Freitag, 30. Januar 2026

24240-24249

doch wirt uns manicvaltic nôt

dâ vor niun jâr geschehende,

und swenne sich daz zehende

gevâhet an, sô werden wir

mit sturme sigehaft an ir.‹

Die Kriechen alle wâren dô

der lieben wîssagunge frô,

diu dâ geschach von Kalcase.

doch was in leit, daz ûf dem grase

und ûf den boumen lac der snê.


Allerdings werden wir viele Nöte und Bedrängnisse zu ertragen haben, während der neun Jahre, die wir vor der Stadt lagern werden, und wenn das dann vorüber ist, dann werden wir die Stadt im Sturm erobern.‹ Die Griechen waren alle froh über die erfreuliche Weissagung, die Kalcas kundgetan hatte, auch wenn sie darunter litten, dass auf dem Gras und auf den Bäumen Schnee lag. 

Donnerstag, 29. Januar 2026

24230-24239

daz lât mich wizzen unde spehen,

daz wir Troiæren an gesigen.

niun jâr diu müezen wir dâ ligen

vor der stat, des dunket mich.

daz wirt dar an bezeichenlich,

daz dirre grimme serpant

niun vogellîn alsus verslant

und daz si von im sîn verzert.

uns wirt diu schœne stat beschert,

daz weiz ich alse mînen tôt.


das zeigt mir und lässt mich wissen, dass wir die Trojaner besiegen werden. Neun Jahre werden wir vor der Stadt lagern müssen, wie mir scheint. Das erkennt man daran, dass diese niederträchtige Schlange neun Vögelchen verschlungen und verzehrt hat. Die schöne Stadt wird unser sein, das weiß ich, das ist so sicher wie mein Tod. 

Dienstag, 27. Januar 2026

24220-24229

niun vogellîn alsô verslant

und si vil gæhes hete gâz.

dâ von sprach er ân unerlâz:

›ir herren alle, wesent geil!

uns nâhet ein vil hôhez heil,

daz uns vil manic wunne birt,

wan Troie gar zerstœret wirt

von uns ân allez lougen.

diz wunder, daz mîn ougen

ûf disem velwen hânt gesehen,


neun Vögelchen mir nichts dir nichts verschlungen und blitzschnell gefressen hatte. Ohne groß zu zögern ergriff er das Wort: ›Meine Herren, seid froh und glücklich! Uns erwartet in naher Zukunft großes Heil, das uns große Freuden bringen wird, weil – das könnt ihr mir glauben – Troja durch uns ganz und gar zerstört werden wird. Dieses ungewöhnliche Ereignis, das ich mit eigenen Augen auf dieser Weide gesehen habe,  

Montag, 26. Januar 2026

24210-24219

er kunde wunder unde was

ein alter lâchenære,

der manic wildez mære

mit sîner gougelwîse erfuor,

wan er die göte alsô beswuor,

daz si vollanten sîne ger.

der selbe mit der Kriechen her

was komen in den wilden tan

und sach mit sînen ougen an,

daz dirre veige serpant


Er, der ein alter Zauberer war, hatte erstaunliche Fähigkeiten und er erfuhr viele unbekannte Neuigkeiten mit seinem Blendwerk, weil er die Götter so zu beschwören wusste, dass sie seinen Willen taten. Dieser Zauberer war mit dem Heer der Griechen in den dichten Wald gekommen und sah mit eigenen Augen, dass diese unglückselige Schlange

Freitag, 23. Januar 2026

24200-24209

des nam si michel wunder,

waz betiuten möhte daz.

niun vogele, die der slange fraz,

begunden si betrahten

und in ir herzen ahten,

waz bîschaft an in læge.

war ûf si diz dinc wæge,

des nam dâ goume ir aller sin.

nû wonte ein wîssag under in,

der was geheizen Kalcas.


Sie wunderten sich darüber, was das wohl bedeuten möge. Sie dachten nach über die neun Vögel, die die Schlange gefressen hatte, und wogen in ihren Herzen ab, wie dieses Zeichen zu deuten sei. Was diese Sache für sie bedeute, das zu prüfen lag ihnen allen im Sinn. Nun war es so, dass bei ihnen ein Weissager war, der Kalcas hieß. 

Donnerstag, 22. Januar 2026

24190-24199

den jungen het er gerne dô

den lîp beschirmet und daz leben.

ob in dâ sweinen unde sweben

begunde er nâch getriuwer art,

dâ von er ouch gezücket wart

dô von dem slangen alzehant,

der in verslicket und verslant,

als er die jungen alle tete.

diz sâhen an der selben stete

die Kriechen albesunder.


Er hätte die Jungen gerne beschützt und ihnen das Leben erhalten. Er, treu wie er war, fing an, über ihnen zu fliegen und zu schweben – und wurde deshalb ebenfalls von der Schlange sogleich ergriffen und von ihr verschlungen und verschluckt, so wie sie es zuvor mit den jungen Vögel getan hatte. Dies alles sahen dort all die Griechen.  

Mittwoch, 21. Januar 2026

24180-24189

noch verre grüener denne ein gras

sach man dâ glenzen sînen balc.

der selbe mortgîltige schalc

steic ûf den velwen unde clam,

biz er hin zuo dem neste kam

der jungen wilden vogellîn.

lîs unde sanfte sleich er drîn

und az vil gar in sînen munt

dis ahte vogele bî der stunt.

Des wart der niunde gar unfrô.


Weit grüner noch als Gras sah man dort ihren Schlangenkörper glänzen. Dieses mordgierige Scheusal kroch und stieg auf die Weide, bis sie zum Nest der jungen, wilden Vögelchen kam. Leise und vorsichtig schlich sie hinein und verschlang sogleich mit ihrem Mund diese acht Vögel ganz und gar. Darüber war der neunte Vogel tief traurig. 

Dienstag, 20. Januar 2026

24170-24179

und lâgen ahte vogellîn

dar inne, als ich geschriben las.

ir muoter dô der niunde was

und wolte sîner jungen pflegen.

er hete sich dar ûf gewegen,

daz er in bræhte spîse.

nû kam ein slange lîse

geslichen zuo dem boume hin,

der schuof der vogel ungewin,

wan er in dâ gevære was.


Darin lagen acht Vögelchen, habe ich gelesen. Ihre Mutter war der neunte Vogel und er wollte sich um die Jungvögel kümmern. Er war unterwegs, um ihnen Futter zu bringen. Nun aber kam leise eine Schlange zum Baum geschlichen, zum Unglück der Vögel, weil sie ihnen feind war. 

Montag, 19. Januar 2026

24160-24169

umbe ir angestlichez leben,

daz mit grimmer nœte ranc.

dâ stuont ein boum schœn unde lanc

mit esten michel unde breit.

ez was ein velwe, sô man seit,

den ougen wol ze lobene.

an sînem tolden obene

was von loube kein gebrest.

ein vogel hete drûf sîn nest

gemachet nâch den siten sîn,


inmitten ihres bedrängten Lebens, das schreckliche Nöte im Griff hatten. Dort stand ein Baum, schön und hoch, mit vielen breiten Ästen, eine Weide, heißt es, die schön anzusehen war. Oben an ihrem Wipfel herrschte an Laub kein Mangel. Ein Vogel hatte darauf sein Nest so gebaut, wie es seine Gewohnheit war. 

Freitag, 16. Januar 2026

24150-24159

daz von der hinden schulden

in wart daz grimme leit getân,

des heten si dekeinen wân

und was in allen wilde.

der walt und daz gevilde

wart ungewiters vol geladen.

den starken ungevüegen schaden

die Kriechen liten alle dô.

nû kam ez z’einer zît alsô,

daz in wart ein trôst gegeben


Dass ihnen wegen der Hirschkuh das schlimme Leid angetan wurde, darauf, auf diesen Gedanken, kamen sie nicht. Der Wald und ganze Gelände wurde von Gewittern bedeckt und durchtränkt – und alle Griechen hatten diesen heftigen, überwältigenden Schaden zu erleiden. Nun aber geschah es eines Tages, dass sie Trost empfiengen 

Donnerstag, 15. Januar 2026

24140-24149

sît daz er wart des muotes,

daz er die stat half machen wider,

sô wânden si, daz er si nider

niht wolte lâzen brechen

und an in wolte rechen

dar umbe sînen grimmen zorn,

daz diu vil schœne stat verlorn

niht würde von ir reise.

si wânden alle ir freise

von sîner sache dulden.


Weil er den Willen hatte, beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen, glaubten sie, er wolle nicht, dass sie dem Erdboden gleichgemacht würde. Deshalb meinten sie, er lasse an ihnen seinen wütenden Zorn aus, damit die schöne Stadt durch ihre Fahrt nicht vernichtet werde. So schien es ihnen, als müssten sie seinetwegen ihre Not erdulden.

Mittwoch, 14. Januar 2026

24130-24139

si wânden algelîche,

des meres got Neptûnus,

der wolte si verderben sus

mit sînem wazzer manicvalt.

der selbe got und sîn gewalt

half Troie wider machen,

dô si mit rîchen sachen

Prîant begunde biuwen:

des wolten im getriuwen

die Kriechen lützel guotes.


Es schien ihnen allen, als würde sie Neptun, der Meeresgot, mit seinem enormen Wasser auf diese Weise umbringen wollen. Eben jener Gott und seine Macht hatten geholfen, Toja wieder aufzubauen, als Priamus sie prächtig und aufwändig ausstattete. Deshalb trauten die Griechen ihm nicht. 

Dienstag, 13. Januar 2026

24120-24129

daz von den schulden in geschach,

daz diu götinne hôchgeborn

ir hinden hete dô verlorn.

Sus lepten si tac unde naht.

von ungewiter maniger slaht

daz her wart umbegriffen.

in kielen unde in schiffen

nieman getorste dannen varn.

si lâgen stille mit ir scharn

und wâren sorgen rîche.


aus dem Grund, dass der edle Göttin dort ihre Hirschkuh genommen worden war. Auf diese Weise lebten sie die Tage und Nächte vor sich hin. Zahlreiche Ungewitter hielten das Heer im Griff und niemand wagte es, mit den Schiffen davonzufahren. Sie saßen mit allen ihren Scharen fest und wurden von Sorgen geplagt. 

Montag, 12. Januar 2026

24110-24119

ouch wart der sturmewint sô grôz

und alsô rehte grimmeclich,

daz nieman ûz dem walde sich

gebieten mohte zuo dem sê.

daz îs und der vil kalte snê

begunde si dâ müejen.

swie man die boume blüejen

doch sæhe bî den stunden,

si lâgen unde funden

sorg unde bitter ungemach,


Außerdem waren die Sturmwinde so mächtig und so schrecklich, dass niemand aus dem Wald zum Meer hin davongehen konnte. Eis und kalter Schnee setzten ihnen dort zu. Auch wenn die Bäume zu der Zeit gerade blühten, saßen sie fest und mussten Sorgen und bitteres Leid ertragen,

Freitag, 9. Januar 2026

24100-24109

alsus wart in ir vart genomen

unde ir reise für den tan.

ergiezen sich daz mer began

und wart als ungehiure,

daz man mit keiner stiure

geschiffen drûf getorste.

si muosten in dem vorste

belîben algemeine.

ir sorge was niht cleine,

wan daz mer sich vaste ergôz.


Auf diese Weise wurde ihre Fahrt verhindert und ihre Reise aus dem Wald hinaus. Das Meer begann zu toben und wurde derart unwirtlich, dass man es mit keinem Schiff wagen konnte, in See zu stechen. Sie alle mussten im Wald bleiben. Ihre Sorgen waren nicht zu verarchten, denn das Meer toste heftig.

Donnerstag, 8. Januar 2026

24090-24099

daz wazzer unde winde kalt

ir muosten undertænic sîn,

dô rach der tiere künigîn

Dyâne sich geswinde.

dem wazzer und dem winde

gebôt diu wunnebære,

daz si ze grimmer swære

die Kriechen bræhten unde ir her,

sô daz si niemer ûf daz mer

getorsten ûz dem walde komen.


über Wasser und kalte Winde zu herrschen, rächte sich Diana, die Königin der Tiere, sogleich. Dem Wasser und dem Wind befahl die Schöne, dass sie die Griechen und ihr Heer in höchste Not brächten, sodass sie keine Chance hätten, vom Wald aus auf das Meer zu kommen. 

Mittwoch, 7. Januar 2026

24080-24089

daz der vil starken winde sûs

ir dienen müeste drâte

und bî der zîte wâte

naht unde tac nâch ir gebote:

des wart si gêret von dem gote

schier unde willeclichen ouch.

wint, regen, nebel unde rouch

ir undertænic wurden gar.

nû diu götinne wunnevar

enpfangen hete den gewalt,


die starken Winde sogleich in ihren Dienst zu stellen, sodass sie Tag und Nacht nach ihrem Willen wehen würden. Auch damit wurde sie von dem Gott sogleich und bereitwillig geehrt. Wind, Regen, Nebel und Rauch wurden ihr ganz und gar unterstellt. Als nun die schöne Göttin die Macht bekommen hatte, 

Dienstag, 6. Januar 2026

24070-24079

daz er geruochte den gewalt

ir hende lîhen unde geben,

daz beide fliezen unde sweben

diu wazzer müesten alle

vil gar nâch ir gevalle

und nâch ir willen bî der zît.

der bete wart diu frouwe sît

von im gewert ân allen spot.

dar nâch bat si des weters got

vast unde sêre in sînem hûs,


die Macht in ihre Hände legen, dass alles Wasser so, wie es ihr gefalle und wie sie es gerade wolle, fließen oder schweben müsse. Gerne war er bereit, der Dame diese Bitte zu gewähren. Danach bat sie den Gott des Wetters in seinem Haus eindringlich und nachdrücklich darum,