Freitag, 13. Februar 2026

24340-24349

die wunneclîchen tohter sîn

muoz ir der künic z’opfer geben

für des wilden tieres leben,

daz er erschôz ân underbint,

sîn vil herzeliebez kint,

geheizen Effigenniâ.

kein opfer darf man anderswâ

der clâren geben unde weln.

sol iuch niht pînen unde queln

daz wazzer und die winde kalt,


Seine schöne Tochter, Iphigenie, die er von Herzen liebt, muss ihr der König als Opfer darbringen, im Gegenzug für das Leben des wild lebenden Tiers, das er rücksichtslos getötet an. Kein anderes Opfer kann man der herrlichen Göttin darbringen. Wenn euch das Wasser und die kalten Winde nicht länger quälen sollen, 

Donnerstag, 12. Februar 2026

24330-24339

›welt ir von ir belîben frô

und ir genâde vinden,

sô muoz man vür die hinden,

die der künic hât gejaget,

ir bringe z’opfer eine maget,

diu lûter unde reine sî:

wan diu götinne wandels vrî

stæt unde kiusche minnet ie.

dâ von wil si ze suone hie

niht anders, denne ein megetîn.


›Wenn sie euch nicht länger eure Freude nehmen soll und ihr bei ihr Gnade finden wollt, dann muss im Gegenzug für die Hirschkuh, die der König erjagt hat, eine junge Frau als Opfer dargebracht werden, die rein und makellos ist, denn die tugendhafte Göttin liebte und liebt Beständigkeit und Keuschheut. Deshalb muss eine junge Frau die Buße sein, eine andere Möglichkeit gibt es hier nicht.

Mittwoch, 11. Februar 2026

24320-24329

west ich, waz man ir tæte

ze buoze, daz würd ir getân.

ir sult mich, herre, wizzen lân,

waz man ir bezzerunge tuo,

dur daz uns ir genâde zuo

nû müeze sîgen unde ir trôst.

wie man ir zornes würde erlôst,

daz sol mich lêren iuwer kunst.‹

›ich sage dir, friunt, wie man ir gunst

erwirbet,‹ sprach Apolle dô.


Wenn ich wüsste, was man ihr als Bußleistung anbieten müsste, würde ich das ins Werk setzen. Sagt mir, Herr, welche Entschädigung wir zu erbingen haben, damit sie uns ihre Gnade schenkt und ihren Beistand. Eure Weisheit und Kenntnis möge mir erklären, wie man ihren Zorn besänftigen kann.‹ ›Ich sage dir, mein Freund, wie man ihre Gunst erwirbt‹, antwortete darauf Apoll.  

Dienstag, 10. Februar 2026

24310-24319

dâ man ir mit gejegde

ir hinden hât gevellet,

nâch der si jâmer stellet

und michel trûren üebet.

ir herze ist gar betrüebet

dur daz tier vil ûz erlesen:

daz süenet, wellent ir genesen!‹

Calcas der rede antwürte bôt.

er sprach: ›uns wære frides nôt

und einer suone stæte.


der ihr durch die Jagd entstanden ist, als man ihre Hirschkuh getötet hat, nach der sie sich in Jammer und Trauer verzehrt. Ihr Herz ist tiefbetrübt wegen des herausragenden Tieres. Das müsst ihr wiedergutmachen, wenn ihr wollt, dass es euch wohlergeht!‹ Calcas antwortet darauf und sagt: ›Wir brauchen Frieden und es ist für uns wichtig, den Streit gründlich beizulegen.

Montag, 9. Februar 2026

24300-24309

und wil iu nôt erzeigen,

dur daz sîn lîp verderbet ist.

ir müezent kumber manic frist

von der götinne dulden,

ob ir niht wellent hulden

iuch alle mit ir schiere.

in dirre waltriviere

vil nœte ir lîden müezent,

ist, daz ir niht enbüezent

der wunneclichen megde,


Sie will euch Mühe und Not bereiten, weil es nicht mehr lebt. Ihr werdet einige Zeit lang durch die Göttin leiden müssen, wenn ihr euch nicht gemeinsam und bald um ihr Wohlwollen bemüht. In diesem Waldgebiet werdet ihr viele Qualen erdulden müssen, wenn ihr gegenüber der schönen jungen Frau den Schaden nicht wiedergutmacht,

Freitag, 6. Februar 2026

24290-24299

der künic Agamemnon

schôz eine schœne hinden,

diu lât iu schaden vinden

und wirfet iuch in manic nôt.

ze sorgen bringet iuch ir tôt

mit grôzem ungewinne.

Dyâne diu götinne,

diu der jegerîe pfligt,

des tieres tôt vil hôhe wigt,

wan ez was ir eigen


Der König Agamemnon hat eine schöne Hirschkuh geschossen; sie ist es, die euch Schaden bringt und euch großer Not ausgesetzt hat. Ihr Tod bringt euch Sorgen und großen Verlust. Für Diana, der Göttin der Jagd, wiegt der Tod dieses Tieres schwer, weil es ihr Tier war.

Donnerstag, 5. Februar 2026

24280-24289

daz si niht mügen über mer

geschalten noch geschiffen.

ir müezen sîn begriffen

mit leide noch vil manic zît.

ir wænet alle, daz ir sît

beswæret von Neptûne,

der wol des meres lûne

erkennet und der wazzer site,

nein zwâre, friunt, daz ist niht mite,

sîn râche tuot iu niht gedon.


dass sie mit ihren Schiffen nicht über das Meer fahren können. Noch für längere Zeit müsst ihr in diesem leidvollen Zustand ausharren. Ihr alle denkt, dass ihr von Neptun gestraft werdet, der die Stimmungen des Meeres kennt und die Gewohnheiten des Wasser, doch nein, wahrlich, mein Freund, das stimmt gar nicht – es ist nicht seine Rache, die euch quält.