Freitag, 27. März 2026

24600-24609

daz man die maget wunneclich

verderben solte ân alle schult.

si dûhte ein milteclich gedult

unde ein grôz demüetikeit,

daz der künic wart bereit

ûf den willlen und den muot,

daz er sîner tohter bluot

dâ wolte lân vergiezen.

er muoste des geniezen,

daz er ze bezzerunge bôt


dass man nämlich das schöne Mädchen ohne, dass sie schuldig sei, töten wollte. Es schien ihr, dass der König Bereitschaft zu generöser Duldsamkeit gezeigt habe, dass er sich demütig gezeigt habe und dass er bereit und willens war, dort das Blut seiner Tochter vergießen zu lassen. Er sollte davon profitieren, dass er den Tod der strahlenden Königin


Donnerstag, 26. März 2026

24590-24599

ê daz ir lîben an getân

würde ein grimmeclicher tôt.

nû daz man si mit grimmer nôt

hin für daz tempel brâhte,

dô si des tôdes âhte

solt âne schulde hân getragen,

dô wart diu marter ûf geslagen

der klâren küniginne.

Dyâne diu götinne

den schaden liez erbarmen sich,


selbst einen elenden Tod zu erleiden. Als man sie nun mit fürchterlichem Zwang hin zum Tempel gebracht hatte, wo sie unschuldig die Strafe des Todes ertragen sollte, da erfuhr die strahlende Königin von der fürchterlichen Tortur. Diana, die Göttin, hatte Erbarmen angesichts des schlimmen Verlusts,  

Mittwoch, 25. März 2026

24580-24589

dar umbe daz man tœten

solt eines edelen küneges fruht.

man weinte ir adel unde ir zuht,

ir clârheit unde ir kiuschen art.

beswæret und bekümbert wart

ir vater bî der stunde

dur si vil gar ze grunde.

In allen tet ir schade wê:

doch wolten si verderben ê

die wunneclichen maget lân,


weil man die Tochter eines edlen Königs töten musste. Man weinte wegen ihres Adels und ihres Anstands, ihrer Schönheit und Unschuld. Betrübt und zutiefst kummervoll wurde wegen ihr zu dieser Zeit ihr Vater. Ihnen allen schmerzte ihr Verderben, doch wollten sie lieber das wunderschöne Mädchen zugrundegehen lassen als 

Dienstag, 24. März 2026

24570-24579

daz si der marter ungewin

solt unverdienet lîden.

man wolte si versnîden

mit eime scharpfen swerte blôz.

dâ von huop sich ein trûren grôz

und ein vil starkez weinen.

man clagte die vil reinen

mit flîzeclicher andâht.

dô wart vil manic herze brâht

ze jâmer und ze nœten,


wo sie das elende Leid erleiden sollte, ohne dass sie etwas getan hätte. Man wollte sie mit einem scharfen, blanken Schwert durchbohren – und deshalb wurde heftig geweint und verbreitete sich große Trauer. Man beklagte die Makellose mit leidenschaftlicher Hingabe. Zahlreiche Herzen wurden in einen Zustand des Schmerzes und des Leids versetzt,   

Montag, 23. März 2026

24560-24569

daz man dem tet den grimmen tôt

und ez dar nâch verbrande.

man gap in unde sande

den rouch ze prîse bî den tagen,

dâ von diu maget ouch erslagen

des mâles werden solte.

verbrennen man si wolte,

sô man si tôt geslüege.

diu clâre und diu gefüege

mit sorgen wart gefüeret hin,


die wurden getötet und danach verbrannt. Man gab und schickte den Göttern damals den Rauch, um sie zu ehren. Deshalb sollte damals auch das Mädchen erschlagen werden und man wollte sie verbrennen, nachdem man sie totgeschlagen hatte. Sie, die schön und wohlerzogen war, litt Kummer und Furcht, als man sie dorthin führte, 

Freitag, 20. März 2026

24550-24559

in einem rîchen cleide

die schœnen brâhte man hin für,

daz si daz leben dâ verlür

und z’einem opfer würde brâht.

dar ûf sô wurden si verdâht

gemeine und algelîche:

wan in der Kriechen rîche

und über aller heiden lant

was der site alsô gewant:

swaz man den göten opfers bôt,


Man brachte die Schöne in einem prächtigen Kleid dorthin, damit sie dort ihr Leben lasse und als Opfer dargebracht werde. Das war die Entscheidung, die sie gemeinsam und einstimmig getroffen hatten, denn im Reich der Griechen und überall in den heidnischen Ländern war Folgendes üblich: Alle Opfer, die man den Göttern darbrachte, 

Donnerstag, 19. März 2026

24540-24549

alsus wart er mit manger nôt

von wîser liute zungen

vil kûme des betwungen

und überredet, daz er dâ

gebôt, daz Effigenniâ

wart in den walt besendet,

dur daz an ir vollendet

würd aller Kriechen wille gar.

si wart gevüeret schiere dar

mit jâmer und mit leide.


Auf diese Weise wurde er mit einigen Mühen durch die Worte weiser Leute dazu gebracht und überredet, dass er befahl, Iphigenie in den Wald zu schicken, damit durch sie der Wille aller Griechen zum Ausdruck gebracht werde. Und bald danach wurde sie – leidvoll und klagend – dorthin gebracht.