Freitag, 27. Februar 2026

24400-24409

des rieten alle Kriechen dô

gemeine bî der selben zît.

doch wurden si ze râte sît,

daz man versuochen solte,

ob Agamennon wolte

verhengen, daz diu tohter sîn

lit eines grimmen tôdes pîn,

dur daz si kæmen alle

von strenger nœte valle

und si getörsten übervarn


So beratschlagten sich nun alle Griechen gemeinsam und beschlossen, dass man probieren müsse, ob Agamemnon bereit sei zuzulassen, dass seine Tochter einen schrecklichen Tod erleide, damit sie alle aus der schwerwiegenden Notlage herauskämen und es wagen könnten, 

Donnerstag, 26. Februar 2026

24390-24399

daz er die tohter wolte

z’eim opfer lâzen bringen.

er lieze in sorgen ringen

daz her unz an sîn ende,

ê daz von sîner hende

diu maget lâzen würde;

ez wære ein swæriu bürde,

daz er sîn hôchgebornez kint

gæb in den tôt ân underbint

und ez verderben lieze alsô.


dass er sich dazu bereiterkläre, die Tochter als Opfer darzubringen. Er würde das Heer bis ans bittere Ende in Sorgen versinken lassen, ehe er das Mädchen aus den Händen geben würde. Es wäre eine schwere Last, dass er sein edles Kind so ohne Weiteres in den Tod schicken würde und es auf diese Weise sterben ließe. 

Mittwoch, 25. Februar 2026

24380-24389

dô wart vil angestbære

daz her gemeine und über al.

si dûhte daz ein leides val,

daz diu götinne wol getân

kein opfer anders wolte hân,

wan des vil werden küniges fruht,

diu beide clârheit unde zuht

het an ir schœnen lîp genomen.

si sprâchen, wie man überkomen

den hôhen künic solte,


wurde die gesamte Schar sehr besorgt. Sie empfanden es als bitteres Unheil, dass die schöne Göttin kein anderes Opfer annehmen wollte als die Tochter des edlen Königs, die schön war, sittsam und charakterfest. Sie sprachen darüber, wie man den hohen König dazu bringen könnte, 

Mittwoch, 18. Februar 2026

24370-24379

ob si niht bringen wolten

des küniges tohter alzehant,

dur daz si würde ein prîsant

der frouwen, diu des wildes pflac.

wie von dem schuzze tôt gelac

ir hinde, daz entslôz er in,

und daz si grôzen ungewin

dar umbe liten bî den tagen.

nû daz si von dem wîssagen

vernâmen disiu mære,


wenn sie nicht bald die Tochter des Königs bringen würden, damit sie ein Geschenk werde für die Dame, die sich um die Wildtiere kümmert. Er erklärte ihnen, wie die Hirschkuh durch den Schuss ums Leben kam und dass sie alle deshalb seitdem große Not zu leiden hatten. Als sie nun von dem Weissager diesen Bericht gehört hatten, 

Dienstag, 17. Februar 2026

24360-24369

dô kêrte er bî der stunde

hin wider zuo der Kriechen schar

und seite in ûf ein ende gar,

daz er vernomen hæte,

wie diu götinne stæte

die clâren Effigenniam

für daz tier vil wunnesam

z’eim opfer wolte kiesen.

er jach, daz si verliesen

daz leben alle solten,


kehrte er zu den Griechen zurück und erzählte ihnen ausführlich, dass er erfahren hatte, dass die unerschütterliche Göttin die makellose Iphigenie an Stelle des schönen Tieres als Opfer haben wolle. Er machte deutlich, dass sie alle das Leben verlieren würden,  

Montag, 16. Februar 2026

24350-24359

sô muoz diu maget wol gestalt

ein prîsant werden schiere

der vrouwen, diu der tiere

und aller jegerîe pfligt.

der grimme tôt an iu gesigt,

wirt ir des küniges tohter niht

z’eim opfer in ir hôhen pfliht.‹

Nû daz der wîse Calcas

vernam, daz im gekündet was

von Apollen munde,


dann muss das schöne Mädchen bald zum Geschenk werden für die Dame, die sich um die Tiere und die Jagd kümmert. Der schreckliche Tod wird euch bezwingen, wenn der Göttin nicht die Tochter des Königs als hohes Opfer dargebracht wird.‹ Als nun der weise Calcas die Auskunft Apolls gehört hatte,   

Freitag, 13. Februar 2026

24340-24349

die wunneclîchen tohter sîn

muoz ir der künic z’opfer geben

für des wilden tieres leben,

daz er erschôz ân underbint,

sîn vil herzeliebez kint,

geheizen Effigenniâ.

kein opfer darf man anderswâ

der clâren geben unde weln.

sol iuch niht pînen unde queln

daz wazzer und die winde kalt,


Seine schöne Tochter, Iphigenie, die er von Herzen liebt, muss ihr der König als Opfer darbringen, im Gegenzug für das Leben des wild lebenden Tiers, das er rücksichtslos getötet an. Kein anderes Opfer kann man der herrlichen Göttin darbringen. Wenn euch das Wasser und die kalten Winde nicht länger quälen sollen,