Dienstag, 16. September 2014

1501-1510

ze höven und ouch anderswâ!
nû si verlie den apfel dâ
gevallen und gerîsen,
dô kêrte si mit lîsen
triten ûf ir strâze hin
und lie belîben under in
daz kleinœt ûzer mâze fîn.
des wart dô von in allen drîn
ein zeppel und ein kriec derhaben.
dô man gesach die buochstaben

an den Höfen und auch anderswo!
Als sie nun den gefallenen, niedergegangenen
Apfel dort verließ,
da machte sie sich mit leisen
Schritten auf ihrem Weg davon
und ließ das über alle Maßen schöne Kleinod
bei ihnen zurück.
Dadurch wurde dort von allen dreien
ein Zank und Streit begonnen.
Als man die Buchstaben gesehen hatte

Montag, 15. September 2014

1491-1500

und ir alten werresite,
dâ si noch leider ofte mite
verwirret gnuoge liute.
ir sâme wirt noch hiute
geworfen under manigen lîp.
si füeget, daz man unde wîp
vil ofte kriegent umbe niht.
owê, daz des sô vil geschiht,
daz missehelle machet
und fröude und êre swachet

und ihrer alten Zwietrachtgewohnheit,
womit sie leider noch oft
viele Leute in Verwirrung stürzt.
Noch heutzutage wird ihr Samen
unter zahlreiche Menschen geworfen.
Sie richtet es so ein, dass Männer und Frauen
oft wegen nichts und wieder nichts streiten.
Oh weh! Dass so oft Sachen geschehen,
die Uneinigkeit stiften
und Freude und Ansehen schwächen

Freitag, 12. September 2014

1481-1490

dâ vinden sîne sprâche.
durch üppeclîche râche
wart der apfel wandels vrî
gevellet under dise drî
gotinne, der ich hân gedâht.
gefüeret het in unde brâht
Discordiâ zer hôchgezît,
dur daz si kriec, haz unde nît
mit im dâ muoste briuwen.
si wolte ir art erniuwen

dass er dort seine Sprache fände.
Um sich in großem Maßstab zu rächen,
wurde der tadellose Apfel
zwischen diese drei Göttinnen,
über die ich gesprochen habe, fallen gelassen.
Zur Hochzeit mit sich geführt und gebracht
hatte ihn Discordia,
so dass dort Streit, Neid und Hass
durch ihn angestiftet werden mussten.
Sie wollte ihrem Wesen treu bleiben

[Ich übersetze »erniuwen« (also »erneuern«) mit »treu bleiben«, was inhaltlich einigermaßen stimmen dürfte, aber nicht genau die Vorstellung trifft.]

Donnerstag, 11. September 2014

1471-1480

wes der apfel solte wesen.
in swelher zungen man daz lesen
wolte bî der selben zît,
diu wart ân allen widerstrît
und in vil kurzen stunden
an den buochstaben funden,
die man dâ stân gelîmet sach.
von hôher künste diz geschach,
daz sich diu schrift verkêrte
und iegelichen lêrte

wem der Apfel gehören sollte.
In welcher Sprache auch immer man
das in diesem Moment lesen wollte,
die wurde ohne Widerstand
und in kurzer Zeit
an den Buchstaben gefunden,
die man dort angebracht sah.
Das geschah durch große Kunstfertigkeit,
dass sich das Geschriebene veränderte,
und jeden unterrichtete, 

Mittwoch, 10. September 2014

1461-1470

muoz si wesen ûz erwelt
und für die besten sîn gezelt,
diu von der hôchgezîte spil
mit ir den apfel füeren wil.‹
Diu rede und dise buochstaben
wâren mit gesteine ergraben
ûf des apfels umbekreiz,
der von smâragden grüene gleiz
und alsô wol geschriben was,
daz man dar an kôs unde las,

muss sie, die von den Freuden des Festes
den Apfel mit sich führen will,
auserwählt sein
und zu den Besten gezählt werden.‹
Diese Ansprache und diese Buchstaben
waren mit Edelsteinen
auf dem Umkreis des Apfels eingegraben.
Der Umkreis glitzerte mit grünen Smaragden
und geschrieben war so gut war das Geschriebenem
dass man daran erkannte und las,

[Gibt es eine bessere Übersetzung für »umbekreiz«?]

Dienstag, 9. September 2014

1451-1460

verr ûz der lîsten grasevar.
diu schrift von hôher koste gar
diu sprach alsus ze tiute:
›swelch frouwe sî noch hiute
diu schœnste ûf disem veste,
sô daz an ir kein breste,
noch kein wandel werde schîn,
der eigen sol der apfel sîn,
noch anders keines wîbes.
ir muotes und ir lîbes

weit aus der grasfarbenen Leiste hinaus.
Die Schriftzeichen – alle von hohem Wert –
die sagten übersetzt folgendes:
›Welche Dame auch immer hier
und jetzt auf diesem Fest die schönste ist,
so dass sich an ihr weder Mangel
noch tadelnswertes Verhalten zeigt,
der soll der Apfel gehören
und keiner anderen Frau.
Was ihre Gesinnung und ihr Aussehen anbelangt,

[Oben (781-790) habe ich »ze tiute« mit »bedeuten« übersetzt; mittlerweile neige ich eher dazu, »auf Deutsch« oder ähnliches zu übersetzen.]

Montag, 8. September 2014

1441-1450

stücken gar gefüeget wol.
vil ûz erwelter schrifte vol
schein der selbe grüene strich,
wan die buochstaben kostbærlich
beschouwen sich dâ liezen.
von glanzen mergriezen,
die niht reiner mohten sîn,
wâren si gevelzet drîn
und lûhten wunneclichen dâ;
si glizzen rôt, gel unde blâ

Stücken ganz hervorragend zusammengesetzt.
Voll mit auserwählten Schriftzeichen
leuchtete dieser grüne Strich,
wenn sich dort die kostbaren Buchstaben
betrachten ließen.
Aus glänzenden Perlen,
die nicht von größerer Reinheit hätten sein können,
waren sie darin zusammengelegt
und herrlich glänzten sie dort; 
Sie glitzerten rot, gelb und blau

[Sind »schrifte« Schriftzeichen? Oder sollte man quasi wörtlich von »Schriften« sprechen?]