Donnerstag, 9. Juni 2016

5201-5210

ûf üppeclîchiu mære.
wer hât sus hovebære
gemachet iuch in kurzer vrist,
daz iuwer rede komen ist
vür eines künges bilde?
mir ist der knappe wilde,
von dem ir âsprâchent hie.
friunt guoter, ich enhôrte nie
von Pârîse in mînen tagen
weder singen noch gesagen.‹

mit unbedachten Geschichten.
Wer hat euch in kurzer Zeit
so höfisch gemacht,
dass es eure Erzählung bis vor
das Angesicht eines Königs geschafft hat?
Ich kenne nicht den jungen Mann,
von dem ihr hier unbekümmert gesprochen habt.
Guter Freund, ich habe in meinem ganzen Leben
nie von einem Paris gehört,
weder in Liedern noch in Erzählungen.‹

[»bilde« scheint mir hier am besten mit »Angesicht« übersetzt zu werden, auch wenn dieser Begriff im neuen mittelhochdeutschen Wörterbuch nicht vorgeschlagen wird.]

Mittwoch, 8. Juni 2016

5191-5200

Der wirt von disen worten
erschrac in allen orten,
sam die durch vorhte gar verzagent.
›friunt, ich enweiz niht, waz ir sagent‹
sprach er wider in zehant.
›diu mære sint mir unbekant,
von wannen Pârîs komen sî.
lânt mich der tegedinge frî,
wan iuwer rede ist mir ein spel.
diu zunge ist iu vil gar ze snel

Der Wirt erschrak über diese Worte
in jeder Hinsicht, ganz so wie diejenigen,
die aus Furcht völlig den Mut verlieren.
›Ich weiß nicht, Freund, wovon ihr sprecht‹,
sagte er sofort zu ihm,
›über diese Sache weiß ich nichts,
weiß nicht, von woher Paris gekommen ist.
Erlasst mir dieses Verhör,
denn was ihr gesagt habt, scheint mir ein Märchen zu sein.
Euer Mundwerk ist viel zu lose,

[Ist »Verhör« zu spezifisch? Als Alternative könnte man »Gerichtsverhandlung« einsetzen, aber welcher »Wirt« spricht im Zustand völligen Schocks von einer »Gerichtsverhandlung«? À propos: Sollte man davon sprechen, dass der Wirt »völlig geschockt« war? Das wäre wohl näher am gesprochenen Gegenwartsdeutsch.]

Dienstag, 7. Juni 2016

5181-5190

dur slâfen an ir bette.
swaz iuwer munt dô rette,
daz hôrte ich allez ûf ein ort.
nû sagent hie diu selbiu wort,
sô merket man in kurzer vrist,
daz Pârîs bî namen ist
des hôchgebornen künges kint
und daz diu mære niht ensint
durch eine trügeheit erdâht,
diu von mir sint ze liehte brâht.‹

in ihr Bett gelegt hatten um zu schlafen.
Alles was euer Mund da sagte,
das hörte ich von Anfang bis zum Ende.
Sagt nun hier dieselben Worte,
so wird man bald merken,
dass Paris tatsächlich
das King des hochgebornen Königs ist
und dass die berichtete Sache,
die von mir öffentlich gemacht wurde, nicht
in betrügerischer Absicht erfunden worden war.‹

Montag, 6. Juni 2016

5171-5180

›her wirt, ez ist sô verre komen,
daz mîn herre hât vernomen,
daz Pârîs von im ist geborn.
nû lânt belîben âne zorn,
ob ich mit iu beziuge,
daz ich im niht enliuge
von dem erwelten knehte.
entsliezent hie ze rehte,
waz ir hînaht seiten,
dô sich die liute leiten

›Herr Wirt, es ist so weit gekommen,
dass mein Herr erfahren hat,
dass Paris sein Sohn ist.
Werdet nun nicht zornig,
wenn ich mit euch bezeuge,
dass ich ihn nicht angelogen habe,
über den ausgezeichneten jungen Mann.
Verratet hier, so wie es sich gehört,
was ihr heute Nacht gesagt habt,
als sich die Leute

Freitag, 3. Juni 2016

5161-5170

und er in sach mit ougen an,
dô wart der hôchgeborne man
bleich und erschrockenlich gestalt.
im wart in sînem lîbe kalt
daz herze bî der stunde:
wan er zehant von grunde
des kindelînes wart ermant,
daz er den wirt mit sîner hant
hiez tœten, als ich ê verjach.
der hirte wider in dô sprach:

und er ihn mit eigenen Augen sah,
da wurde der hochgeborene Mann
bleich und er sah erschrocken aus.
In seiner Brust wurde ihm
– in diesem Moment – das Herz kalt,
weil er augenblicklich und radikal
an das Kleinkind erinnert wurde,
dass der Wirt nach seinem Befehl
hatte töten sollen, wie ich schon erzählt habe.
Da sagte der Hirte zu ihm: 

5151-5160

Pârîs mîn sun von adele sî;
wan ich bin des gelouben vrî,
daz er mich ihtesiht bestê.
sô wilde sache wart nie mê
vür mînes herzen ougen brâht,
sô daz ieman des hât gedâht,
daz Pârîs von mir sî geborn.‹
sus hiez der künic âne zorn
den wirt besenden alzehant.
nû daz er vür in was besant

dass Paris mein edler Sohn ist,
denn ich kann mir nicht vorstellen,
dass er sich hier irgendwo befindet.
Eine so wilde Sache wurde noch nie
vor die Augen meines Herzens gebracht,
und niemand wäre je auf die Idee gekommen,
dass Paris mein Sohn sei.‹
In diesem Sinne ließ der König ohne Wut
sogleich den Wirt holen.
Als er nun vor ihn geschickt worden war

[Ich verstehe und übersetze »bestên« als »um jemanden herum stehen«, »umstehen«.]

Mittwoch, 1. Juni 2016

5141-5150

und erziuge disiu dinc,
daz Pârîs, der jungelinc,
ist iuwer sun von rehter ê.
man bringe in her, waz sol daz mê,
sô wirt diu wârheit hie vernomen
von dem juncherren vollekomen.‹
der künic sprach: ›daz muoz geschehen.
ich sol den willeclichen sehen,
der hiute mir bewære,
daz der vil wunnebære

diese Sache,
dass Paris, der junge Mann,
euer Sohn ist und aus eurer Ehe hervorging.
Doch genug davon, man bringe ihn her,
dann wird man hier die Wahrheit hören
über den makellosen jungen Herren.‹
Der König sagte: ›Das wird geschehen.
Ich muss den sehen, der dazu bereit ist,
der mir hier und jetzt beweist,