Dienstag, 17. Januar 2017

6461-6470

von angeborner tugent hât,
des witze gêt vür allen rât,
der von meisterschefte kumet.
guot lêre dâ ze nihte frumet,
swâ man niht grundes vindet,
der sanfte si gelindet
mit süezer tugende fiuhtekeit.
Achilles wart dar ûf bereit,
daz er daz beste gerne tete.
er schuof in dirre waltstete

Veranlagung ein verständiges Wesen haben,
deren Verstand überflügelt allen 
Rat, der auf Meisterschaft beruht.
Gute Lehre hilft überall dort nicht weiter,
wo man kein Fundament findet,
das von ihr behutsam erweicht wird
mit der Feuchtigkeit süßer Eignung und Begabung.
Achill wurde dazu bereit,
das Beste gerne zu tun.
Er bewerkstelligte in dieser Waltheimat

Montag, 16. Januar 2017

6451-6460

und wart an im sô wuocherhaft,
daz si mit manicvalter kraft
im brâhte rîcher tugent fruht;
swenn im sîn meister eine zuht
gelêrte, die geriet sô wol
und wart der êren alsô vol,
daz von ir blüete sâmen
wol tûsent tugende kâmen.
Lêr unde meisterschaft sint guot,
swer aber sinnerîchen muot

und erwies sich bei ihm als so fruchtbar,
dass sie mit vielfältiger Kraft
ihm die Früchte machtvoller Fähigkeiten brachte.
Wann auch immer sein Lehrmeister ihm eine
Verhaltensregel beibrachte, gelang dies so gut
und wurde damit so viel Reputation angesammelt,
dass aus dem Samen ihrer Blüte
bestimmt tausend Fähigkeiten hervorgingen.
Lehre und Meisterschaft sind gut;
all die aber, die durch angeborene

Freitag, 13. Januar 2017

6441-6450

ze herzen und ze beine.
sîn art senft unde reine
geschuof an im daz wunder,
daz er sich ûz besunder
vür sînes meisters lêre schiet;
wan der juncherre baz geriet,
dann er gelêret würde.
der meisterschefte bürde,
die Schŷron dâ leite ûf in,
bar im ze jungest den gewin

in das Herz und in die Beine.
Sanftmut und Untadeligkeit waren ihm angeboren
und bewirkten an ihm das Wunder,
dass er als einziger
über die Lehre seines Meisters hinauskam,
denn der junge Herr entwickelte sich besser
als die Lehre, die er empfing.
Die Last der Perfektion,
die Schyron ihm dort auferlegte,
brachte bei ihm schon bald Ertrag 

Donnerstag, 12. Januar 2017

6431-6440

gewahsen ûf der erden.
ez mac wol bezzer werden,
denne ez vor gewesen ist,
daz aber ganzer tugende list
enphâhe sînes herzen rinc.
daz ist ein ungehœret dinc
und wart vil selten ie vernomen.
swaz von Schŷrône mohte komen
bescheidenlicher dinge,
daz gienc dem jungelinge

erwachsen – und das nirgendwo auf der Welt. 
Es mag wohl sein, dass es besser wird
als es zuvor gewesen war,
dass aber den Raum seines Herzens
die gesamte Einsicht in die edlen Sitten erreiche,
das wäre ein einzigartiges Ereignis
und noch nie hat jemand davon gehört.
Ganz egal, auf welche kenntnisreichen Dinge
Schyron auch kam,
das ging dem Jüngling

Mittwoch, 11. Januar 2017

6421-6430

und ist ein lanc geverte,
ê man ûz flinsen herte
geschepfe ein bilde reine;
von einem linden steine,
der senfte und edel wære,
würd ez mit cleiner swære
gemachet und gebillet.
swie vil ein meister villet
unedel kint mit lêre,
doch kan ûz im kein êre

und es ist ein langwieriger Prozess,
bevor man aus hartem Stein
ein vollkommenes Bildnis hervorbringt.
Aus einem weichen Stein,
der nachgiebig und edel ist,
würde es mit wenig Aufwand
gemacht und geformt.
Ganz egal wie sehr ein Lehrmeister
ein unedles Kind mit Lehre füllt,
aus ihm kann dennoch kein bedeutender Wert

[Das mhd. »êre« hier mit Ansehen oder Reputation (o.ä.) wiederzugeben, macht m.E. wenig Sinn, da ein wenig informierter Leser nicht verstünde, was damit gemeint sein soll.]

Dienstag, 10. Januar 2017

6411-6420

und ist den êren undertân.
dâ von darf iuch niht wunder hân,
daz der juncherre Achille
beid offen unde stille
gap sô liehtebernden schîn,
daz er vor den gesellen sîn
liez edel sich beschouwen.
sich lât ein vels joch houwen
vil sanfter, denn der ander tuo;
dâ hœret michel wunder zuo

und akzeptiert das Ansehen als einen Wert, dem er sich unterzuordnen hat. 
Deshalb sollte es euch nicht wundern,
dass Achill, der junge Herr,
still und zugleich für alle sichtbar
so leuchtenden Glanz verbreitete,
dass er unter all seinen Begleitern
als jemand, der edel ist, sichtbar hervorstach.
Ein Joch in einen Felsen lässt sich viel leichter
zurechthauen als jemand anderen;
hierzu braucht es außergewöhnliche Taten und Ereignisse

Montag, 9. Januar 2017

6401-6410

daz krümbet sich vil vrüeje.
man seit, swâ tugent noch blüeje,
dâ snîde man der êren fruht
schier unde balde mit genuht.
Swaz adellichen arten wil,
zuo dem bedarf man niht ze vil
rîlicher meisterschefte.
von sîner tugent krefte
kan ez wol selbe zuo genemen.
ez üebet, swaz im sol gezemen

was ein Häkchen werden will.
Man sagt, dass man überall dort, wo Veranlagen und Begabung 
noch in voller Blüte stehen, die Früchte des Ansehens erntet,
schnell und mutig und in Hülle und Fülle.
Für alles, was edel werden will,
braucht man nicht allzu viel
an großzügiger, meisterlicher Kunstfertigkeit.
Durch die Kraft seiner Veranlagung und Begabung
ist es gewiss selbst in der Lage, zu gedeihen.
Es übt all das ein, was ihm angemessen ist

[Schöner wäre es natürlich, die figura etymologica »adellichen arten« mit zu übersetzen.]