Donnerstag, 27. Juni 2019

11021-11030

bî dem vihe ûf einer wisen.
im was diu wolle sîn entrisen
und daz vleisch engangen.
er wart von in gevangen
und für die küniginne brâht,
dâ von wart si dar zuo verdâht,
daz er von ir gejunget wart.
gefüeret mit ir ûf die vart
diu wîse ir haven hæte,
dar inne daz geræte

bei dem Vieh auf der Weide.
Seine Wolle war ihm ausgefallen
und sein Fleisch war geschwunden.
Er wurde von ihnen gefangen 
und zur Königin gebracht,
die dann zur Tat schritt,
um ihn zu verjüngen.
Die Vorausschauende hatte auf ihre Reise
ihren Topf mitgeführt,
worin sich der Vorrat 

Mittwoch, 26. Juni 2019

11011-11020

schier einen wider ungestalt,
der was unmæzeclichen alt
und hete sîne kraft verlorn.
an im was anders niht wan horn
unde ein hût zæh als ein wide.
man hete im alle sîne lide
und sîniu rippe wol gezelt.
er was von jâren sô verquelt,
daz im der lîp was ungesunt.
er gienc dâ schebic als ein hunt

schnell einen hässlichen Widder,
der unfassbar alt war
und dem seine Kräfte geschwunden waren.  
Er bestand aus nichts als Horn
und einer Haut so zäh wie Holz.
Man hätte problemlos alle seine Knochen
und seine Rippen zählen können.
Das Alter nahm ihn so sehr mit,
dass sein Körper ganz krank aussah.
Er ging dorther so wie ein räudiger Hund  

[»wide« zu »wite, wit« = Holz?]

Dienstag, 25. Juni 2019

11001-11010

daz er vil nâch verdorben sî:
dâ wil ich iu bewæren bî,
daz ich den künic wol gener,
sô daz ich im daz alter wer
und ich mac wol gehelfen im.
sîne unmaht ich im benim
unde erniuwe im sîne kraft.‹
der rede wurden fröudenhaft
die megde wol versunnen.
si giengen und gewunnen

wenn er vielleicht zugrunde geht.
An ihm will ich euch beweisen,
dass ich den König gefahrlos am Leben erhalten werde,
indem ich ihn vom Alter befreie,
weil ich zweifellos in der Lage bin, ihm zu helfen.  
Seine Kraflosigkeit werde ich hinwegnehmen
und seine Stärke erneuern.‹
Die Worte machten die wohlbedachten 
jungen Frauen glücklich.  
Sie gingen und besorgten

Montag, 24. Juni 2019

10991-11000

und er mich hie behalten wil.
künd ich denn arzenîe vil,
diu solte im werden unverseit.
mîn kunst diu wirt an in geleit
und alle mîne liste,
dur daz ich hie gevriste
vor unkrefte sîniu lider.
nû dar! gewinnent einen wider,
der niht mê vor alter müge
und alsô rehte wênic tüge,

und er bereit ist, mich hier aufzunehmen. 
Falls ich also viel von der Heilkunst verstehe,
kann ich ihm dies nicht vorenthalten.
Mein Können wird ihm zuteil werden
und all meine Gelehrsamkeit,
so dass ich hier seine Glieder
vor Schwäche schützen werde.
Auf geht’s! Beschafft einen Widder,
dem das Alter zu schaffen macht,
und bei dem es wenig schadet,

Mittwoch, 19. Juni 2019

10981-10990

lac mit ganzer stætekeit,
dâ von diu küniginne leit
durch dise untriuwe grôzen pîn,
daz Pêleus, der veter sîn,
truoc wider in valsch unde mein.
›ir frouwen,‹ sprach si zuo den zwein,
›mich dunket harte mügelich,
daz iuwer vater wider mich
genieze sîner tugende hôch,
sît ich dâ her durch triuwe vlôch

im Herzen und in den Gedanken trug, 
so dass diese Treulosigkeit der Königin
großes Leid verursachte,
dass nämlich Peleus, sein Vetter,
sich ihm gegenüber heimtückisch verhielt – und bösartig.
›Ihr Damen‹, sagte sie zu den beiden,
›es scheint mir kaum möglich zu sein,
dass euer Vater mir gegenüber
seine großen Tugenden wird zeigen können,
angesichts der Tagsache, dass ich vertrauensvoll hierher geflohen bin

Dienstag, 18. Juni 2019

10971-10980

wellen iemer durch iuch zern,
ist, daz ir in geruochent nern.‹
Mêdêâ wart der bete vrô,
wan si gedâhte, daz si dô
gerechen möhte deste baz
an Pêleô, daz er gehaz
ir friunde was ân alle schult.
gelouben ir der mære sult,
daz ir Jâsônes minne
ze herzen und ze sinne

Leben und Besitz in euren Dienst stellen,
falls ihr euch bereit findet, ihm zu helfen.‹
Medea freute sich über die Bitte,
denn sie dachte sich, dass sie so
umso besser Rache üben könne 
an Peleus, weil dieser ihrem Freund gegenüber
feindselig gewesen war, ohne jeden Grund.
Ich könnt es ruhig glauben, wenn ich berichte,
dass sie Jasons Liebe
ohne Unterlass

Montag, 17. Juni 2019

10961-10970

sînen vater hât erlôst,
sô tuont uns helferîchen trôst,
daz unser vater ouch genese
und er ein wênic junger wese
an herzen und an krefte.
lânt uns der meisterschefte
geniezen und der wîsheit,
der wunder ist an iuch geleit
und gebent im ouch hôhen muot.
wir beide leben unde guot

aus der Krankheit des Alters erlöst hat,
so spendet auch uns Trost durch eure Hilfe,
damit auch unser Vater gesund werde
und damit auch er ein wenig jünger werde,
mit mehr Elan und mehr Kraft.
Lasst uns von den meisterlichen Fertigkeiten
profitieren und von der Gelehrsamkeit,
die ihr in höchstem Maß besitzt,
und bringt auch ihm Freude und Wohlgefallen.
Wir beide wollen dafür auf ewig