Mittwoch, 10. Februar 2021

14220-14229

der frouwen hovelichen des

und sprach ir sinneclîche zuo:

›daz dû mich alsô rehte vruo

von Schŷrône hâst genomen,

daz mac mir wol ze schaden komen

und ze leider ungeschiht:

wan er mich anders kunde niht

wan frumekeit gelêren.

wie liez er mich sus kêren

ûz sîner meisterschefte spor?‹


der Dame auf höfische und kluge Weise

und sagte zu ihr:

›Dass du mich so früh

von Schyron genommen hast,

das könnte mir irgendwann zum Schaden gereichen

und mir zum leidvollen Verhängnis werden,

denn er hat mir nichts anderes beibringen wollen

und können als Tapferkeit.

Wie kann es sein, dass er mich

vom Fortgang seines Unterrichts hat abkommen lassen?‹

Dienstag, 9. Februar 2021

14210-14219

dîn lîp und daz gemüete dîn

sint worden gar ze wilde,

des wil ich frouwen bilde

dich lâzen kiesen unde sehen.

und mac dir daz heil geschehen,

daz dû von in gezemet wirst,

wan dû vermîdest und verbirst

vil mangen site vrevelich,

den Schŷron hât gelêret dich.‹

Antwürte bôt Achilles


Dein Körper und Geist 

sind viel zu wild und unbändig geworden –

deshalb will ich, dass du leibhaftige Frauen

siehst und beobachten kannst.

Möge dir die Gnade geschenkt werden,

dass du von ihnen gezähmt wirst,

da du dann viel übermütiges Verhalten,

das Schyron dir beigebracht hat,

vermeiden und unterlassen wirst.‹

Darauf antwortete Achill

Montag, 8. Februar 2021

14200-14209

dâ von ich gerne füegen wil,

daz dû gelernest ouch die kunst,

mit der man reiner wîbe gunst

gewinnen müge ûf erden.

ze hôhen und ze werden

juncfrouwen füere ich dînen lîp.

ich wil dich cleiden als ein wîp

und in ir schar dich mischen.

dar under und dâ zwischen

gelernest dû wol zühtic sîn.


und deshalb will ich gerne dafür sorgen,

dass du auch das Wissen meisterst,

mit dem man sich in der Welt die Gunst

reiner Frauen zu sichern vermag.

Ich bringe dich zu hohen und angesehenen

jungen Damen.

Ich werde dich wie eine Frau anziehen

und dich in ihre Schar einreihen.

Mit und bei ihnen wirst du lernen, 

dich höflich und gesittet zu benehmen.

Freitag, 5. Februar 2021

14190-14199

sprich an, vil sælic frouwe dû,

war sol ich komen, hôhiu fruht?‹

›dâ wil ich hovelîche zuht

dich heizen lêren‹, sprach si dô.

›belîp ân allez trûren vrô!

dû wirst ein sælic jungelinc,

dû hâst behendeclîchiu dinc

gelernet unde strîten wol.

swaz man von kampfe trîben sol,

des kanst dû wunder unde vil,


Sag an, du segenvolle Dame,

hohe Herrin – wohin muss ich gehen?

›Dorthin‹, sagte sie dann, ›wo man dir

höfische Erziehung zukommen lassen wird.

Lass alles Trauern sein und bleib fröhlich!

Du wirst ein gesegneter junger Mann!

Du hast gelernt, dich Deines Körpers zu bedienen

und gut zu kämpfen.

Alles, was man in Sachen Kampf zu können hat,

das kannst du reichlich und auf bewundernswerte Weise

Donnerstag, 4. Februar 2021

14180-14189

wâ lît der hôhe Pêlîon,
dar under ich erzogen bin?
ich var an ein gebirge hin,
daz ich vil selten hân gesehen.
ich wânde, swaz mir ist geschehen,
daz wære mir getroumet gar.
nû bin ich worden êrst gewar
der endelichen mære.
ich was in grôzer swære,
ê daz ich dich gesæhe nû.

Wo ist der hohe Pelion,
unter dem ich erzogen wurde?
Ich bin zu einem Gebirge unterwegs,
das ich noch nie gesehen habe.
Ich dachte, dass all das, was mit mir passiert ist,
nur ein Traum sei;
nun erst ist mir die Situation
endgültig klar geworden.
Ich war sehr betrübt gewesen,
bevor ich dich erblickt habe.

Dienstag, 2. Februar 2021

14170-14179

dur waz hâst dû mich dem benomen,

der mîn sô tugentlîche pflac?

wie bin ich sus in einen sac

von dir gestôzen und getân?

waz wilt dû mit mir ane gân?

daz tuo mir, sælic frouwe, erkant.

dû füerest mich in vremdiu lant,

von wâren schulden ich des gihe,

wan ich des berges niht ensihe,

des ich nû lange was gewon.


Weshalb hast Du mich dem genommen,

der sich so gründlich um mich gekümmert hat?

Warum bin ich von dir auf diese Weise

in einen Sack gestoßen und gesteckt worden?

Was hast du mit mir vor?

Gesegnete Dame, sagt mir das.

Du führst mich in fremde Länder,

das kann ich mit Fug und Recht behaupten,

weil ich den Berg nicht sehe,

an dessen Anblick ich nun schon seit Langem gewohnt bin.  

Montag, 1. Februar 2021

14160-14169

daz niht von einem troume kam

diu wunderlîche sache.

er lepte in ungemache,

biz daz er kôs die muoter sîn.

zehant als er die künigîn

mit vollen ougen an gesach,

lieplîche er wider si dô sprach:

›Ach frouwe und muoter, wâ bin ich?

war umbe hâst dû lâzen mich

von mînem lieben meister komen?


dass dieses seltsame Sache

nicht durch einen Traum hervorgerrufen wurde.

Er verbrachte seine Zeit ihn Sorgen,

bis er seine Mutter entdeckte.

Als er die Königin

mit großen Augen angesehen hatte,

sagte er sogleich ganz liebenswürdig zu ihr:

›Ach, Herrin und Mutter, wo bin ich?

Warum hast du mich 

von meinem lieben Meister wegbringen lassen?


[Was genau meint »mit vollen ougen«?]