Mittwoch, 18. Februar 2026

24370-24379

ob si niht bringen wolten

des küniges tohter alzehant,

dur daz si würde ein prîsant

der frouwen, diu des wildes pflac.

wie von dem schuzze tôt gelac

ir hinde, daz entslôz er in,

und daz si grôzen ungewin

dar umbe liten bî den tagen.

nû daz si von dem wîssagen

vernâmen disiu mære,


wenn sie nicht bald die Tochter des Königs bringen würden, damit sie ein Geschenk werde für die Dame, die sich um die Wildtiere kümmert. Er erklärte ihnen, wie die Hirschkuh durch den Schuss ums Leben kam und dass sie alle deshalb seitdem große Not zu leiden hatten. Als sie nun von dem Weissager diesen Bericht gehört hatten, 

Dienstag, 17. Februar 2026

24360-24369

dô kêrte er bî der stunde

hin wider zuo der Kriechen schar

und seite in ûf ein ende gar,

daz er vernomen hæte,

wie diu götinne stæte

die clâren Effigenniam

für daz tier vil wunnesam

z’eim opfer wolte kiesen.

er jach, daz si verliesen

daz leben alle solten,


kehrte er zu den Griechen zurück und erzählte ihnen ausführlich, dass er erfahren hatte, dass die unerschütterliche Göttin die makellose Iphigenie an Stelle des schönen Tieres als Opfer haben wolle. Er machte deutlich, dass sie alle das Leben verlieren würden,  

Montag, 16. Februar 2026

24350-24359

sô muoz diu maget wol gestalt

ein prîsant werden schiere

der vrouwen, diu der tiere

und aller jegerîe pfligt.

der grimme tôt an iu gesigt,

wirt ir des küniges tohter niht

z’eim opfer in ir hôhen pfliht.‹

Nû daz der wîse Calcas

vernam, daz im gekündet was

von Apollen munde,


dann muss das schöne Mädchen bald zum Geschenk werden für die Dame, die sich um die Tiere und die Jagd kümmert. Der schreckliche Tod wird euch bezwingen, wenn der Göttin nicht die Tochter des Königs als hohes Opfer dargebracht wird.‹ Als nun der weise Calcas die Auskunft Apolls gehört hatte,   

Freitag, 13. Februar 2026

24340-24349

die wunneclîchen tohter sîn

muoz ir der künic z’opfer geben

für des wilden tieres leben,

daz er erschôz ân underbint,

sîn vil herzeliebez kint,

geheizen Effigenniâ.

kein opfer darf man anderswâ

der clâren geben unde weln.

sol iuch niht pînen unde queln

daz wazzer und die winde kalt,


Seine schöne Tochter, Iphigenie, die er von Herzen liebt, muss ihr der König als Opfer darbringen, im Gegenzug für das Leben des wild lebenden Tiers, das er rücksichtslos getötet an. Kein anderes Opfer kann man der herrlichen Göttin darbringen. Wenn euch das Wasser und die kalten Winde nicht länger quälen sollen, 

Donnerstag, 12. Februar 2026

24330-24339

›welt ir von ir belîben frô

und ir genâde vinden,

sô muoz man vür die hinden,

die der künic hât gejaget,

ir bringe z’opfer eine maget,

diu lûter unde reine sî:

wan diu götinne wandels vrî

stæt unde kiusche minnet ie.

dâ von wil si ze suone hie

niht anders, denne ein megetîn.


›Wenn sie euch nicht länger eure Freude nehmen soll und ihr bei ihr Gnade finden wollt, dann muss im Gegenzug für die Hirschkuh, die der König erjagt hat, eine junge Frau als Opfer dargebracht werden, die rein und makellos ist, denn die tugendhafte Göttin liebte und liebt Beständigkeit und Keuschheut. Deshalb muss eine junge Frau die Buße sein, eine andere Möglichkeit gibt es hier nicht.

Mittwoch, 11. Februar 2026

24320-24329

west ich, waz man ir tæte

ze buoze, daz würd ir getân.

ir sult mich, herre, wizzen lân,

waz man ir bezzerunge tuo,

dur daz uns ir genâde zuo

nû müeze sîgen unde ir trôst.

wie man ir zornes würde erlôst,

daz sol mich lêren iuwer kunst.‹

›ich sage dir, friunt, wie man ir gunst

erwirbet,‹ sprach Apolle dô.


Wenn ich wüsste, was man ihr als Bußleistung anbieten müsste, würde ich das ins Werk setzen. Sagt mir, Herr, welche Entschädigung wir zu erbingen haben, damit sie uns ihre Gnade schenkt und ihren Beistand. Eure Weisheit und Kenntnis möge mir erklären, wie man ihren Zorn besänftigen kann.‹ ›Ich sage dir, mein Freund, wie man ihre Gunst erwirbt‹, antwortete darauf Apoll.  

Dienstag, 10. Februar 2026

24310-24319

dâ man ir mit gejegde

ir hinden hât gevellet,

nâch der si jâmer stellet

und michel trûren üebet.

ir herze ist gar betrüebet

dur daz tier vil ûz erlesen:

daz süenet, wellent ir genesen!‹

Calcas der rede antwürte bôt.

er sprach: ›uns wære frides nôt

und einer suone stæte.


der ihr durch die Jagd entstanden ist, als man ihre Hirschkuh getötet hat, nach der sie sich in Jammer und Trauer verzehrt. Ihr Herz ist tiefbetrübt wegen des herausragenden Tieres. Das müsst ihr wiedergutmachen, wenn ihr wollt, dass es euch wohlergeht!‹ Calcas antwortet darauf und sagt: ›Wir brauchen Frieden und es ist für uns wichtig, den Streit gründlich beizulegen.

Montag, 9. Februar 2026

24300-24309

und wil iu nôt erzeigen,

dur daz sîn lîp verderbet ist.

ir müezent kumber manic frist

von der götinne dulden,

ob ir niht wellent hulden

iuch alle mit ir schiere.

in dirre waltriviere

vil nœte ir lîden müezent,

ist, daz ir niht enbüezent

der wunneclichen megde,


Sie will euch Mühe und Not bereiten, weil es nicht mehr lebt. Ihr werdet einige Zeit lang durch die Göttin leiden müssen, wenn ihr euch nicht gemeinsam und bald um ihr Wohlwollen bemüht. In diesem Waldgebiet werdet ihr viele Qualen erdulden müssen, wenn ihr gegenüber der schönen jungen Frau den Schaden nicht wiedergutmacht,

Freitag, 6. Februar 2026

24290-24299

der künic Agamemnon

schôz eine schœne hinden,

diu lât iu schaden vinden

und wirfet iuch in manic nôt.

ze sorgen bringet iuch ir tôt

mit grôzem ungewinne.

Dyâne diu götinne,

diu der jegerîe pfligt,

des tieres tôt vil hôhe wigt,

wan ez was ir eigen


Der König Agamemnon hat eine schöne Hirschkuh geschossen; sie ist es, die euch Schaden bringt und euch großer Not ausgesetzt hat. Ihr Tod bringt euch Sorgen und großen Verlust. Für Diana, der Göttin der Jagd, wiegt der Tod dieses Tieres schwer, weil es ihr Tier war.

Donnerstag, 5. Februar 2026

24280-24289

daz si niht mügen über mer

geschalten noch geschiffen.

ir müezen sîn begriffen

mit leide noch vil manic zît.

ir wænet alle, daz ir sît

beswæret von Neptûne,

der wol des meres lûne

erkennet und der wazzer site,

nein zwâre, friunt, daz ist niht mite,

sîn râche tuot iu niht gedon.


dass sie mit ihren Schiffen nicht über das Meer fahren können. Noch für längere Zeit müsst ihr in diesem leidvollen Zustand ausharren. Ihr alle denkt, dass ihr von Neptun gestraft werdet, der die Stimmungen des Meeres kennt und die Gewohnheiten des Wasser, doch nein, wahrlich, mein Freund, das stimmt gar nicht – es ist nicht seine Rache, die euch quält. 

Mittwoch, 4. Februar 2026

24270-24279

und im ze rehte seite,

wâ von den Kriechen wære

diz ungewiter swære

gewahsen ûf der erde.

des antwurt im der werde

got Apolle sâzehant.

er sprach: ›sît dû mich hâst gemant

sus tiure, sô tuon ich dir schîn,

wâ von den angestbæren pîn

die Kriechen lîden unde ir her,


und ihm den wahren Grund dafür nennen, dass den Griechen auf der Erde dieses schwere Unwetter entstanden sei. Darauf antwortete der angesehene Gott Apoll sogleich. Er sagte: »Da du mich so inständig angerufen hast, lasse ich dich wissen, weshalb die Griechen und ihr Heer diese schreckliche Notlage erleiden müssen,

Dienstag, 3. Februar 2026

24260-24269

sus gienc er dô geswinde

besunder ûz in allen.

an sîn gebet er vallen

begunde nider ûf diu knie.

gar flîzeclîche bat er die

göt unde ir hôhe stiure.

mit worten er vil tiure

beschwuor den got Apollen,

daz er geruochte ervollen

die bete sîn gereite


So gieng er dann eilig von ihnen allen weg. Als er allein war, kniete er nieder, um zu beten. Mit großem Eifer bat er die Götter um ihre edle Hilfe. Den Gott Apoll beschwor er inständig, er möge seine Bitte bald erfüllen

Montag, 2. Februar 2026

24250-24259

von ungewitere was in wê,

daz si dô truogen unde liten:

dâ von begunden si dô biten

gemeine den prophêten,

daz er an den planêten

und an dem himele sæhe,

wâ von diz dinc geschæhe,

daz si niht dannen möhten komen

und in ir vart wær ab genomen

von wazzer und von winde.


Durch die Unwetter hatten sie Leid und Kummer zu tragen und zu erleiden. Deshalb fingen sie alle an, den Propheten zu bitten, dass er die Planeten und den Himmel betrachte, um herauszufinden, was der Grund dafür sei, dass sie von dort, wo sie waren, nicht wegkommen konnten und ihnen ihre Ausfahrt durch Wasser und Wind verhindert werde.  

Freitag, 30. Januar 2026

24240-24249

doch wirt uns manicvaltic nôt

dâ vor niun jâr geschehende,

und swenne sich daz zehende

gevâhet an, sô werden wir

mit sturme sigehaft an ir.‹

Die Kriechen alle wâren dô

der lieben wîssagunge frô,

diu dâ geschach von Kalcase.

doch was in leit, daz ûf dem grase

und ûf den boumen lac der snê.


Allerdings werden wir viele Nöte und Bedrängnisse zu ertragen haben, während der neun Jahre, die wir vor der Stadt lagern werden, und wenn das dann vorüber ist, dann werden wir die Stadt im Sturm erobern.‹ Die Griechen waren alle froh über die erfreuliche Weissagung, die Kalcas kundgetan hatte, auch wenn sie darunter litten, dass auf dem Gras und auf den Bäumen Schnee lag. 

Donnerstag, 29. Januar 2026

24230-24239

daz lât mich wizzen unde spehen,

daz wir Troiæren an gesigen.

niun jâr diu müezen wir dâ ligen

vor der stat, des dunket mich.

daz wirt dar an bezeichenlich,

daz dirre grimme serpant

niun vogellîn alsus verslant

und daz si von im sîn verzert.

uns wirt diu schœne stat beschert,

daz weiz ich alse mînen tôt.


das zeigt mir und lässt mich wissen, dass wir die Trojaner besiegen werden. Neun Jahre werden wir vor der Stadt lagern müssen, wie mir scheint. Das erkennt man daran, dass diese niederträchtige Schlange neun Vögelchen verschlungen und verzehrt hat. Die schöne Stadt wird unser sein, das weiß ich, das ist so sicher wie mein Tod. 

Dienstag, 27. Januar 2026

24220-24229

niun vogellîn alsô verslant

und si vil gæhes hete gâz.

dâ von sprach er ân unerlâz:

›ir herren alle, wesent geil!

uns nâhet ein vil hôhez heil,

daz uns vil manic wunne birt,

wan Troie gar zerstœret wirt

von uns ân allez lougen.

diz wunder, daz mîn ougen

ûf disem velwen hânt gesehen,


neun Vögelchen mir nichts dir nichts verschlungen und blitzschnell gefressen hatte. Ohne groß zu zögern ergriff er das Wort: ›Meine Herren, seid froh und glücklich! Uns erwartet in naher Zukunft großes Heil, das uns große Freuden bringen wird, weil – das könnt ihr mir glauben – Troja durch uns ganz und gar zerstört werden wird. Dieses ungewöhnliche Ereignis, das ich mit eigenen Augen auf dieser Weide gesehen habe,  

Montag, 26. Januar 2026

24210-24219

er kunde wunder unde was

ein alter lâchenære,

der manic wildez mære

mit sîner gougelwîse erfuor,

wan er die göte alsô beswuor,

daz si vollanten sîne ger.

der selbe mit der Kriechen her

was komen in den wilden tan

und sach mit sînen ougen an,

daz dirre veige serpant


Er, der ein alter Zauberer war, hatte erstaunliche Fähigkeiten und er erfuhr viele unbekannte Neuigkeiten mit seinem Blendwerk, weil er die Götter so zu beschwören wusste, dass sie seinen Willen taten. Dieser Zauberer war mit dem Heer der Griechen in den dichten Wald gekommen und sah mit eigenen Augen, dass diese unglückselige Schlange

Freitag, 23. Januar 2026

24200-24209

des nam si michel wunder,

waz betiuten möhte daz.

niun vogele, die der slange fraz,

begunden si betrahten

und in ir herzen ahten,

waz bîschaft an in læge.

war ûf si diz dinc wæge,

des nam dâ goume ir aller sin.

nû wonte ein wîssag under in,

der was geheizen Kalcas.


Sie wunderten sich darüber, was das wohl bedeuten möge. Sie dachten nach über die neun Vögel, die die Schlange gefressen hatte, und wogen in ihren Herzen ab, wie dieses Zeichen zu deuten sei. Was diese Sache für sie bedeute, das zu prüfen lag ihnen allen im Sinn. Nun war es so, dass bei ihnen ein Weissager war, der Kalcas hieß.