Montag, 5. Januar 2015

2091-2100

daz liste von im werden.
ze himel und ûf erden
witz unde reiniu wîsheit
die crône ûf allen êren treit.‹
Nû die götinne beide
mit rede ân underscheide
striten hövelîche alsus,
dô sprach diu vrouwe Vênus:
›ir mügent iuwer kriegen lân,
ich wil den apfel selbe hân,

dass durch Gold Wissen entstehe.
Im Himmel und auf der Erde
tragen Wissen und reine Weisheit
die Krone allen Ansehens.‹
Als nun die beiden Göttinnen
auf diese Weise mit ihren Reden
ununterbrochen höflich stritten,
sprach Frau Venus:
›ihr könnt aufhören zu streiten,
ich selbst will den Apfel haben,

Freitag, 19. Dezember 2014

2081-2090

mit êren alles guotes hort.
daz ertrîch und der himel dort
mit künsten wurden ûf geleit;
si mahte gotes wîsheit
und allez, daz in beiden ist.
jô füeget hôher künste list,
daz von ir wahset rîcher solt.
mit listen wirt gemachet golt,
und hât daz golt der tugent niht,
noch der krefte in sîner pfliht,

jeden Schatz vergolden.
Die Erde und der Himmel dort,
die wurden mit Kunstfertigkeit erschaffen;
Gottes Weisheit machte sie
und alles, was in beiden ist.
Ja, das Wissen hoher Künste ermöglicht,
dass von beiden großer Gewinn entsteht.
Durch Wissen wir Gold gemacht
und das Gold hat nicht die Fähigkeit,
noch die Kräfte zur Verfügung,

Donnerstag, 18. Dezember 2014

2071-2080

rîlichen hort in sîne pflege,
dur daz er sîn hüet alle wege,
der wil sîn guot alsô bewaren,
als ob er einen hieze varen
ân alliu ruoder ûf daz mer
und in mit schatze sunder wer
dâ lieze in einem kiele sweben.
man sol mir disen apfel geben,
den kan ich wol verschulden.
wîsheit mac übergulden

einen reichen Schatz anvertraut,
damit er ihn tagein-tagaus behüte,
der will seinen Besitz so sichern
als wenn er jemanden
ohne Ruder auf das Meer schicken würde
und ihn dort mit Reichtümern, aber ohne Waffen zur Verteidigung,
in einem Kahn treiben ließe.
Mir muss man diesen Apfel geben.
Den hab ich wahrlich verdient.
Weisheit kann mit Ansehen

Mittwoch, 17. Dezember 2014

2061-2070

gewinnet wol êr unde guot.
ob er die gülte sîn vertuot,
er kan wol ander gelt bejagen:
sô muoz der tumbe rîche tragen
bresten alsô lange vrist,
swenn er von guote komen ist
und er sîn gelt verliuret.
gehœhet und getiuret
ist edel sin für allez guot.
swer einem sinnelôsen tuot

kann doch wohl mit seiner Weisheit Ansehen und Besitz erlangen;
und wenn er die Quellen seines Einkommens vertut,
kann er leicht andere Geldquellen auftun.
Demgegenüber muss der, der reich und dumm ist, einen Schaden
über lange Zeit tragen,
wann auch immer er Besitz verloren hat
und seines Geldes verlustig ging.
Erhabener und herrlicher
ist edle Gesinnung als aller Besitz.
Wer auch immer jemandem, der nicht ganz bei Sinnen ist,

Dienstag, 16. Dezember 2014

2051-2060

daz wil ich dir gedingen an.
witz ist ein hort, der niht enkan
geroubet werden, noch verstoln.
kunst mac wol eine wîle doln
an guote bresten unde schaden,
daz aber si mit nôt geladen
sî ze langen stunden,
des hab ich niht befunden
und ist mir selten worden schîn.
der wîse mit dem liste sîn

Das erwarte ich von dir.
Wissen und Verstand ist ein Schatz, der weder
geraubt noch gestohlen werden kann.
Können und Kunstfertigkeit mögen wohl eine zeitlang
Mangel und Schaden an Gut und Vermögen erleiden,
dass sie aber über längere Zeit in eine
Notlage geraten,
das habe ich bisher nicht vernommen
und auch noch nie gesehen.
Der, der weise ist,

[Ich gehe davon aus, dass es sich beim Vers 2059 um eine »Litotes« handelt, also um eine Untertreibung.]

Montag, 15. Dezember 2014

2041-2050

der sinne niht enhæte.
schaz unde rîch geræte
bedarf wol guoter witze.
swie kunst vil ofte sitze
rîchtuomes unde gülte vrî,
sô wont ir doch diu sælde bî
und alsô ganzer wirde lôn,
daz von ir sprichet Salomôn,
wîsheit sî bezzer denne golt.
den apfel dû mir lâzen solt!

dem es an Verstand fehlt.
Für Reichtum und wertvollen Hausrat
ist sicherlich eine klare Vernunft notwendig.
Auch wenn die Weisheit häufig
ohne Einkommen und Reichtümer auskommen muss,
hat sie doch Anteil am göttlichen Heil
und sie erhält auf diese Weise den Lohn einer uneingeschränkten Würde,
von der Salomon sagt,
dass Weisheit besser sei als Gold.
Den Apfel musst du mir lassen!

Samstag, 13. Dezember 2014

2031-2040

wan si mizzet allen hort.
si muoz beschrôten ime sîn ort
und nâch der mâze rîzen.
swer sich wil guotes vlîzen,
der muoz ouch haben liste,
dâ mite er guot gefriste
und ez beschirmen künne.
ein man wol guot gewünne,
het er eht sinnerîchen muot;
sô möhte ein man verlieren guot,

weil es jeden Schatz misst.
Es muss ihm seinen Raum zuweisen
und nach dem richtigen Maß einzeichnen.
Wer auch immer sich um Besitz bemüht,
der muss auch über Weisheit verfügen,
so dass er damit den Besitz erhalten
und beschirmen kann.
Jemand kommt wohl leicht zu Besitz,
wenn er verständig ist;
ebenso verliert jemand leicht Besitz,