Montag, 20. Juni 2016

5271-5280

ichn weiz niht, waz ich sagen sol:
wan ir wizzent selbe wol,
dô mîn frouwe ein kint gebar
schœn unde wunneclich gevar,
daz ir wârent im gehaz
und ich selb ander fuorte daz
in einen walt dur iuwer bete.
als iuwer munt gelobet hete,
sus wolten wir verderbet hân
daz kint nâch wunsche wol getân.

ich weiß nicht, was ich sagen soll,
denn ihr wisst selbst ganz genau,
als meine Herrin ein Kind geboren hatte,
das schön und herrlich aussah,
dass ihr ihm Feind wart,
und ich und ein anderer brachten es
in einen Wald, weil ihr es wolltet.
So wie es eure Worte geschworen haben,
so wollten wir
das makellose Kind beseitigen.

Freitag, 17. Juni 2016

5261-5270

und er tet, daz er gebôt.
iedoch wart er mit grôzer nôt
des dinges überwunden,
daz er dâ bî den stunden
die wâren schulde seite.
frid unde guot geleite
gap im der künic umb daz leben.
als im daz beide wart gegeben
und er sicher mohte sîn,
dô sprach er: ›lieber herre mîn,

und das tat, was er von ihm forderte.
Dennoch wurde nur mit großem Aufwand
sein Widerstand bezwungen,
so dass er dann
den wahren Sachverhalt erzählte.
Schutz und freies Geleit 
sagte ihm der König zu, bei körperlicher Unversehrtheit.
Als ihm beides zugesagt worden war
und er sich sicher fühlen konnte,
da sagte er: ›Mein lieber Herr,

Donnerstag, 16. Juni 2016

5251-5260

sô wirt iu sunder valschen wân
von im ze rehte kunt getân,
daz Pârîs, der knappe guot,
ist iuwer kint und iuwer bluot.‹
Der hirte als er gesprach alsus,
dô hiez der künic Prîamus
den wirt die wârheit sprechen
und mahte in alsô vrechen
mit süezen worten ûz erkorn,
daz er niht vorhte sînen zorn

dann wird er euch ganz gewiss – und
so wie es sich gehört – wissen lassen,
dass Paris, der vortreffliche junge Mann,
euer Kind ist, euer Fleisch und Blut.‹
Als der Hirte das gesagt hatte,
da forderte König Priamus
den Wirt auf, die Wahrheit zu sagen,
und er ermutigte ihn so sehr,
mit süßen, klug gewählten Worten,
dass er seinen Zorn nicht fürchtete 

Mittwoch, 15. Juni 2016

5241-5250

der wâren dinge ân allen spot.
nû, herre, sprechent z’im dur got
und gebietent selbe dar,
daz er iu diz dinc enbar
und entslieze drâte,
wes er hînaht spâte
verjæhe an sînem bette.
daz dinc, daz er dô rette,
daz heizent in hie künden
und ûf ein ende ergründen,

die Wahrheit aussagt, die ganze Wahrheit.
Redet nun mit ihm, Herr, um Himmels Willen!,
und gebt selbst den Befehl dazu,
dass er euch diese Sache enthülle
und bald offenbare,
was er, spät letzte Nacht,
in seinem Bett eingestand.
Die Sachen, die er da erzählte,
die lasst ihn hier bekanntgeben
und die soll er im Detail aufhellen,

Dienstag, 14. Juni 2016

5231-5240

daz ir im tuont die wârheit schîn.
ir mügent des ân angest sîn,
daz ir sînen zorn bejagent,
ob ir die rehten schulde sagent;
dar umb ist er iu niht gehaz,
wan er hât hie gelobet daz
bî küniclicher sicherheit,
daz dem dekeiner slahte leit
von sîner hôhen kraft geschehe,
der von Pârîse hie verjehe

dass ihr die Wahrheit ans Licht bringt.
Ihr braucht keine Angst zu haben,
dass ihr euch seinen Zorn zuzieht,
wenn ihr den Verstoß wahrheitsgemäß erzählt,
werdet ihr damit nicht seinen Hass auf euch richten,
denn er hat hier
mit königlichem Schwur versprochen,
dass demjenigen, durch seine hohe Gewalt,
kein Haar gekrümmt werden wird,
der hier über Paris

Montag, 13. Juni 2016

5221-5230

daz ich den mein erdæhte,
daz ich ze liehte bræhte
valschlîchiu trügenmære.
ê daz ich niht bewære,
daz ir gesprochen hânt diz dinc,
ê wil ich hiute in einen rinc
ze kampfe treten unde gân.
doch sunt ir uns des beide erlân,
daz von uns werde iht hie gestriten.
iuch sol der künic, mîn herre, biten,

auf die bösartige Idee zu kommen,
falsche Lügengeschichten
an die Öffentlichkeit zu bringen.
Bevor es mir nicht gelingt, zu zeigen,
dass ihr diese Dinge gesagt habt,
will ich lieber heute zum Kampfplatz gehen
und zum Kampf antreten.
Ihr solltet uns beide davor bewahren,
dass von uns hier ein Kampf ausgefochten wird.
Euch muss mein Herr, der König, bitten,

Freitag, 10. Juni 2016

5211-5220

›Her wirt, enredent niht alsô,‹
sprach aber z’im der hirte dô,
›wan ez ist âne lougen,
daz ir gesprochen tougen
hânt wider iuwer êlich wîp,
daz Pârîs, der hübsche lîp,
sî des werden künges fruht;
dâ von tuont ez durch iuwer zuht
und sagent ouch die wârheit hie!
wan ich gewan daz herze nie,

›Erzählt doch nicht sowas, Herr Wirt«,
sagte dagegen hierauf der Hirte zu ihm,
›denn es ist nicht gelogen,
dass ihr im Geheimen zu
eurer Ehefrau gesagt habt,
dass Paris, der schöne Mann,
das Kind des ehrenwerten Königs sei.
Tut deshalb, was euer Anstand euch gebietet,
und sagt auch hier die Wahrheit!
Denn ich hätte nie den Mut,