Freitag, 5. Februar 2021

14190-14199

sprich an, vil sælic frouwe dû,

war sol ich komen, hôhiu fruht?‹

›dâ wil ich hovelîche zuht

dich heizen lêren‹, sprach si dô.

›belîp ân allez trûren vrô!

dû wirst ein sælic jungelinc,

dû hâst behendeclîchiu dinc

gelernet unde strîten wol.

swaz man von kampfe trîben sol,

des kanst dû wunder unde vil,


Sag an, du segenvolle Dame,

hohe Herrin – wohin muss ich gehen?

›Dorthin‹, sagte sie dann, ›wo man dir

höfische Erziehung zukommen lassen wird.

Lass alles Trauern sein und bleib fröhlich!

Du wirst ein gesegneter junger Mann!

Du hast gelernt, dich Deines Körpers zu bedienen

und gut zu kämpfen.

Alles, was man in Sachen Kampf zu können hat,

das kannst du reichlich und auf bewundernswerte Weise

Donnerstag, 4. Februar 2021

14180-14189

wâ lît der hôhe Pêlîon,
dar under ich erzogen bin?
ich var an ein gebirge hin,
daz ich vil selten hân gesehen.
ich wânde, swaz mir ist geschehen,
daz wære mir getroumet gar.
nû bin ich worden êrst gewar
der endelichen mære.
ich was in grôzer swære,
ê daz ich dich gesæhe nû.

Wo ist der hohe Pelion,
unter dem ich erzogen wurde?
Ich bin zu einem Gebirge unterwegs,
das ich noch nie gesehen habe.
Ich dachte, dass all das, was mit mir passiert ist,
nur ein Traum sei;
nun erst ist mir die Situation
endgültig klar geworden.
Ich war sehr betrübt gewesen,
bevor ich dich erblickt habe.

Dienstag, 2. Februar 2021

14170-14179

dur waz hâst dû mich dem benomen,

der mîn sô tugentlîche pflac?

wie bin ich sus in einen sac

von dir gestôzen und getân?

waz wilt dû mit mir ane gân?

daz tuo mir, sælic frouwe, erkant.

dû füerest mich in vremdiu lant,

von wâren schulden ich des gihe,

wan ich des berges niht ensihe,

des ich nû lange was gewon.


Weshalb hast Du mich dem genommen,

der sich so gründlich um mich gekümmert hat?

Warum bin ich von dir auf diese Weise

in einen Sack gestoßen und gesteckt worden?

Was hast du mit mir vor?

Gesegnete Dame, sagt mir das.

Du führst mich in fremde Länder,

das kann ich mit Fug und Recht behaupten,

weil ich den Berg nicht sehe,

an dessen Anblick ich nun schon seit Langem gewohnt bin.  

Montag, 1. Februar 2021

14160-14169

daz niht von einem troume kam

diu wunderlîche sache.

er lepte in ungemache,

biz daz er kôs die muoter sîn.

zehant als er die künigîn

mit vollen ougen an gesach,

lieplîche er wider si dô sprach:

›Ach frouwe und muoter, wâ bin ich?

war umbe hâst dû lâzen mich

von mînem lieben meister komen?


dass dieses seltsame Sache

nicht durch einen Traum hervorgerrufen wurde.

Er verbrachte seine Zeit ihn Sorgen,

bis er seine Mutter entdeckte.

Als er die Königin

mit großen Augen angesehen hatte,

sagte er sogleich ganz liebenswürdig zu ihr:

›Ach, Herrin und Mutter, wo bin ich?

Warum hast du mich 

von meinem lieben Meister wegbringen lassen?


[Was genau meint »mit vollen ougen«?]

Freitag, 29. Januar 2021

14150-14159

in dûhte ein angestbære dinc

und ein vil grôz unbilde,

daz zwêne vische wilde

in zugen ûz dem tobenden sê,

wan er gedâhte, daz im wê

von in geschehen solte.

von êrste er wænen wolte,

daz er diz wunder spæhe

in einem troume sæhe,

dar nâch verstuont er und vernam,


Es schien ihm eine beängstigende Lage zu sein

und eine Ungeheurlichkeit,

dass zwei frei lebende Firsche

ihn über das stürmische Meer zogen,

denn er ging davon aus, dass sie ihm

Leid zufügen würden.

Zuerst hatte er glauben wollen,

dass er dieses kunstvolle Wunder

in einem Traum sähe;

danach aber merkte und verstand er, 

Donnerstag, 28. Januar 2021

14140-14149

lit ich von strîte doch die nôt,

diu mir von wazzer ist bereit,

daz diuhte mich ein sælikeit

und wære mir ein liebez dinc.

ich wolte gerne in einen rinc

ze kampfe treten unde gân

und mangen vrechen man bestân,

dur daz ich niht würd in daz mer

alsus versenket âne wer.‹

Die rede treip der jungelinc.


Wenn ich doch in Kämpfen in die Notlage geraten wäre,

in die ich hier durch das Wasser geraten bin,

das schiene mir ein großes Glück 

und wäre mir eine angenehme Sache!

Gerne stünde ich auf einem Kampfplatz

zum Kämpfen bereit und würde

gegen viele kühne Männer antreten,

damit ich nicht auf diese Weise

ohne Gegenwehr in das Meer versenkt würde.‹

Diese Rede hielt der junge Mann. 

Mittwoch, 27. Januar 2021

14130-14139

swer diz joch habe gemachet,

daz ich bin von hûse komen?

man hât Schŷrône mich genomen,

der muoz mich leider hân verlorn.

owê, daz ich ie wart geborn!

wer hât dem wâge mich gegeben?

wie muoz mit jâmer sich mîn leben

verzollen und verzinsen!

ich vürhte, daz mich dinsen

die vische wellen in den tôt.


Wer hat mir das angetan,

dass ich von zuhause entfernt wurde?

Man hat mich Schyron weggenommen,

der mich nun leider verloren hat.

Oh weh, dass ich je geboren wurde!

Wer hat mich an die Fluten übergeben?

Warum muss sich mein Leben 

mit Schmerz und Leid verzollen und verzinsen?

Ich fürchte, dass mich 

die Fische in den Tod tragen werden.