Montag, 13. November 2023

18920-18929

der fürsten und der künige ruom

den füerest dû mit dir von dan.

dâ von belîp ein frœlich man

und île ûf dîne strâze.

daz dich vrou Sælde lâze

mit fröuden und mit êren

ze lande wider kêren!‹

Diz mære seite mir der brief,

dâ von ich mîner sorgen tief

gefrîet dâ vil schiere was.


Ruhm und Ansehen der Fürsten und Könige

wirst du mit dir hinwegführen.

Sei also froh und glücklich

und mache dich auf den Weg.

Die Herrin des Glücks und Heils lasse dich

mit Freude und Ansehen

wieder in dein Land zurückkehren!«

Diese Botschaft sagte mir der Brief,

wodurch ich von meinen tiefen Sorgen

sogleich befreit wurde.

Freitag, 10. November 2023

18910-18919

dû solt nâch dîner girde

dâ vinden ein erwünschet leben.

Helêne diu wirt dir gegeben

ze wîbe und z’einer frouwen.

an der solt dû beschouwen,

daz ir wunneclicher lîp

vil schœner ist denn alliu wîp,

diu man siht ûf der erden.

dir sol ze teile werden

an ir der Kriechen rîchtuom.


Du wirst, ganz deinem Willen gemäß,

dort das finden, was du dir wünscht:

Helena wird 

deine Frau werden.

Du wirst sehen, 

dass sie

viel schöner ist als alle anderen Frauen,

die man auf der Erde sehen kann.

Durch sie wirst Du teilhaben

am Reichtum und der Macht der Griechen.

Dienstag, 7. November 2023

18900-18909

dâ stuont alsus geschriben an:

›Pârîs, dû lâ dîn trûren sîn!

Vênus, der minne meisterîn,

diu wil erfüllen dîne gir.

swaz dir geheizen ist von ir,

daz wil si leisten alzehant.

dû solt bald in der Kriechen lant

nû strîchen unde kêren.

dâ maht dû wol gemêren

dîn lop und dîne wirde.


Folgendes stand dort geschrieben:

»Paris, sei nicht mehr traurig!

Venus, die Beherrscherin der Liebe,

die will dein Begehren erfüllen.

Alles, was sie dir versprochen hat,

das will sie sogleich in die Tat umsetzen.

Du musst bald in das Land der Griechen

reisen, wo du

dein Ansehen und deine Würde

sehr gut wirst steigern können.

Montag, 6. November 2023

18890-18899

er kniete für mich unde sprach:

›friunt herre, ich tuon dir mære kunt.‹

alsus begunde er sâ zestunt

entsliezen eine bühsen cluoc,

dar inne er guote brieve truoc,

die mir gesendet wâren.

mit wîzen und mit clâren

henden bôt er mir si dar.

dô las ich ûf ein ende gar,

swaz mir enboten was her dan.


Er kniete vor mir nieder und sagte:

»Lieber Herr, ich bringe Dir eine Botschaft.«

Mit diesen Worten schloss er sogleich

eine schöne Büchse auf,

worin er vornehme Briefe trug,

die zu mir geschickt wurden.

Mit weißen, zarten Händen

reichte er sie mir.

An den Briefen las ich ausführlich all das,

was man mir mitzuteilen hatte.

Freitag, 3. November 2023

18880-18889

in wunneclicher wæte

liez er sich vür mich ûf daz gras.

gestellet er nach wunsche was

an lîbe und an gewande.

vil schiere ich daz erkande,

daz er was der göte bote

und er von mangem werden gote

in alliu rîche wart gesant.

Mercurius was er genant,

als er mir selbe dâ verjach.


Wunderschön war die Kleidung,

mit der er sich vor mir auf das Gras niederließ. 

Sein Körper und seine Kleider 

waren so schön, wie man es sich nur wünschen kann.

Schnell wurde mir klar,

dass er der Bote der Götter war

und dass er von so manchem angesehenen Gott

in aller Herren Länder geschickt wird.

Merkur war sein Name,

den er mir selbst dort nannte.

Donnerstag, 2. November 2023

18870-18879

daz schœnste wîp, daz möhte leben,

daz sûmest dû ze lange vrist.

wâ nû dîner helfe list?

der schînet wider mich ze laz.‹

nû daz ich in den sorgen saz

und in mîn herze trûren zôch,

dô kam her ûz den lüften hôch

vür mich ein stolzer jungelinc,

der an dem hâre mangen rinc

von krûsen löcken hæte.


die schönste Frau, die es gibt.

Du lässt zu lange auf dich warten!

Wo sind nun deine Künste und deine Hilfe?

Mich scheinst du vergessen zu haben.«

Als ich dort nun sorgenvoll herumsaß

und mein Herz mit Trauer füllte,

kam zu mir herab aus der Höhe

ein schöner junger Mann,

dessen gekräuseltes Haar 

viele Locken hatte.  

Dienstag, 31. Oktober 2023

18860-18869

›hey,‹ dâhte ich, ›vrouwe Vênus,

wie hâst dû mich alsô betrogen,

daz dû mîn herze hâst gezogen

ûf einen minneclichen wân

und ich nû keine vröude hân

von dîner helfe râte!

ich wæne, ich alze spâte

von dir ûz sorgen würde brâht.

dû hetest mir des zuo gedâht,

dû woltest mir ze lône geben


»Ach«, dachte ich, »Herrin Venus,

wie hast du mich so betrügen können,

dass du mein Herz

in Liebessehnsucht verstrickt hast

und mir deine Hilfe und dein Rat

nun nicht zur Freude verhelfen!

Mir scheint, dass ich von dir

viel zu spät aus meinen Sorgen geholt werde.

Du hattest mir das doch zugedacht

– du wolltest mir zum Lohn geben,