Dienstag, 23. August 2022

16770-16779

dâ manic kiusche vrouwe mite

blüeme ir leben unde ir jugent.

scham ist ein krône reiner tugent,

diu wîbes lop beschœnet

und werde vrouwen krœnet

an herzen unde an lîbe.

kein tugent stât dem wîbe

sô wol sô vrouwelîchiu schame,

wan aller hôhen tugent name

von schamerîchem muote wirt.


mit denen tugendhafte, edle Frauen

ihr Leben und ihre Jugend schmücken.

Schüchterne Zurückhaltung ist eine Krone vollkommener Sittlichkeit,

wodurch das Ansehen der Frauen veredelt wird

und angesehene Damen 

an Herz und Leib gekrönt werden.

Der Sittlichkeit der Frauen steht keine Tugend so gut

wie weibliche Scham und Schüchternheit,

weil alle hohen Tugenden

aus einem zurückhaltenden Gemüt hervorgehen.

Montag, 22. August 2022

16760-16769

dîn ringen ist unfröuwelich

und alliu dîn gebærde.

mir wahset grôz beswærde

von dînen wilden tücken.

dû wilt mir vröude zücken

und mînes hôhes muotes vil.

lâ stân dur got, mîn trûtgespil,

geloube dich der sache,

diu wîbes namen swache

und habe die schemelichen site,


Dein Ringen und Rangeln und dein ganzes Auftreten

gehören sich nicht für eine Frau.

Mir entstehen große Mühen

durch dein wildes Benehmen.

Du willst mir Freude und Fröhlichkeit nehmen

und meine ganze Glückseligkeit.

Lass dass, meine Freundin, um Gottes Willen,

lass ab von dieser Sache,

die ein schlechtes Licht auf Frauen wirft,

und halte dich an die Umgangsformen,

Freitag, 19. August 2022

16750-16759

wîplich natûre und wîplich reht

verbieten sus getânen spot.

lâ die gebærde sîn dur got,

diu frouwen lop getrüeben kan!

sô dû mich triutest als ein man,

sô weiz ich, wes ich denken sol.

erkande ich niht sô rehte wol

dîn art und alliu dîniu dinc,

ich wânde, daz ein jungelinc

in wîbes bilde ruorte mich.


Die Natur und das Recht der Frauen

verbieten solche anstößigen Scherze.

Hör’ um Gottes Willen damit auf,

dich so zu benehmen, dass das Lob edler Frauen herabgewürdigt wird!

Wenn du mich wie ein Mann anfasst,

dann weiß ich nicht, was ich davon halten soll.

Wüsste ich nicht so gut bescheid

über deine Herkunft und alle deine Umstände,

dann würde ich meinen, dass es ein junger Mann

in weiblicher Gestalt sei, der mich packt und ergreift. 

Donnerstag, 18. August 2022

16740-16749

gemæze ist und gebære,

des wolt er dô beginnen.

nû daz si des wart innen

und si der mære sich versan,

daz er gelîch tet einem man,

dô sprach diu werde künigîn:

»waz nû, gespil, waz sol diz sîn?

waz tiutest unde meinest dû?

mich dunket, dû gebârest nû

reht als ein man und als ein kneht.


taugt und hilfreich ist,

das wollte er nun in die Tat umsetzen. 

Als sie das merkte

und ihr klar wurde,

dass er sich wie ein Mann verhielt,

sagte die edle Königin:

»Was tust Du, Gefährtin, was soll das werden?

Was hast Du vor? Wo führt das hin?

Mir scheint, du verhältst dich

ganz so wie ein Mann!

Mittwoch, 17. August 2022

16730-16739

in eines wîbes wæte,

daz was in dô geriuwen.

gewislich unde entriuwen

liez er bevinden si, daz er

truoc mannes lîp und mannes ger,

wan er begunde bî der stunt

ir wangen, ougen unde munt

dâ küssen unde triuten.

swaz minnesiechen liuten

vür seneclîche swære


in Frauenkleidung hinters Licht geführt,

was er nun bereute. 

Er ließ sie merken, ohne daran Zweifel zu lassen,

dass er

einen männlichen Körper hatte und männliches Begehren,

denn er fing nun an,

ihre Wangen, Augen und ihren Mund

zu küssen und zu liebkosen.

All das, was liebeskranken Leuten

gegen sehnsüchtige Qualen 

Dienstag, 16. August 2022

16720-16729

und mit der wunneclichen ranc

umb ir vil werden minne.

er greif die küniginne

mit vrevelichen henden an;

daz tet im nôt, sîn herze enbran

in seneclicher marter:

dâ von er deste harter

wart des mâles ungezogen.

er hete lange dâ betrogen

die juncfrouwen stæte


und sich mit der Liebenswerten 

in einen Ringkampf begab, um ihre überaus kostbare Liebe. 

Mit seinen Händen ergriff er

kühn die Königin,

was ihn zu weiteren Handlungen zwang, denn sein Herz

wurde von sehnsuchtvoller Qual entzündet.

Dadurch wurde er in dieser Situation

noch viel, viel unanständiger. 

Lange hatte er dort

das tadellose Mädchen  


[V. 16724 »daz tet im nôt«: entweder »er musst es tun« oder »dadurch (durch das Ergreifen) geriet er in Not, erhöhte sich sein Verlangen, war er zu weiteren Handlungen gezwungen«. Letzteres scheint mir im Kontext plausibler zu sein.]

Montag, 15. August 2022

16710-16719

wan im der muot reht als ein blî

wiel unde sôt in sender clage.

sîn vröude und al sîn lebetage

mit ganzer stæte wâren

versigelt an der clâren

und an der küniclichen fruht,

iedoch begunde er sîne zuht

an ir swachen mit gewalt.

er wart sô vrevel und sô balt,

daz er die scham ze rücke dranc


zumal sein Wollen ganz so wie ein geschmolzenes Stück Blei

in schmerzlicher Klage kochte und brodelte.

Seine Freude und sein ganzes Leben

waren firm und fest

in dem makellosen Mädchen, 

in dem dem königlichen Kind versiegelt;

er aber schmälerte seine Anständigkeit und Redlichkeit

ihr gegenüber durch Gewalt. 

Er wurde so übermütig und so kühn,

dass er die Scham bezwang


[warum »iedoch«?]