Mittwoch, 10. November 2021

15530-15539

sô wart im ie dar under

sîn varwe missehandelt.

sus unde sô verwandelt

wart sîn wunneclicher schîn.

daz fiur im in dem herzen sîn

tac unde naht wiel unde sôt.

daz kunde sîn antlitze rôt

wol machen unde verwen

und aber denne gerwen

in bleichen unde in trüeben glast.


wurde dabei 

seiner Hautfarbe übel mitgespielt. 

Sein liebenswertes Antlitz

veränderte sich hin und her.

In seinem Herzen loderte und brannte

das Feuer Tag und Nacht.

Dies Feuer war imstande, 

sein Antlitz zu erröten und rot einzufärben –

dann aber wiederum in

bleichen und trüben Schein zu kleiden.

Dienstag, 9. November 2021

15520-15529

diu frouwe von gebürte hôch

wonte im alle stunde bî.

si was vor ungemüete vrî

unde er senender sorgen rîch:

ir leben daz was ungelîch

unde ir wille und ir gedanc.

sîn senedez ouge sich erswanc

an der vil clâren dicke.

und swenne er sîne blicke

verliez an si besunder,


Die hochgeborne Dame

war stets bei ihm.

Ihr ging es gut

und er war von sehnsüchtiger Sorge erfüllt.

Ihr Leben war unterschiedlich,

und auch ihr Wollen und ihre Gedanken.

Seinen sehnsüchtigen Blick ließ er oft

zur Makellosen schweifen

und immer dann, wenn er seine Augen

auf ihr ruhen ließ,

Mittwoch, 3. November 2021

15510-15519

als einem lieben wîbe

sol ein man von rehte sîn.

solch minne was der künigîn

gar seltsæn unde wilde.

si truoc sîn wîplich bilde,

daz si gesworen hæte des,

daz der juncherre Achilles

ein maget lûterbære

und ein juncfrouwe wære.

Dâ von si nie von im geflôch.


wie ein Mann einer guten Frau

mit Recht ergeben sein soll.

Eine solche Liebe war der Königin

ganz fremd und unbekannt.

Sie verließ sich auf sein weibliches Aussehen,

so dass sie geschworen hätte,

dass der junge Herr Achilles

ein reines Mädchen 

und eine junge Dame sei.

Deshalb nahm sie nie von ihm Reißaus. 

Freitag, 29. Oktober 2021

15500-15509

si truoc im unde erscheinte

der triuwen und der minne vil,

diu z’einer frouwen ir gespil

sol in geselleschefte hân.

seht, alsô was dô niht getân

diu minne, der Achilles pflac.

swaz liebe in sînem muote lac,

diu schein geliutert als ein golt.

er was ir in der mâze holt

mit herzen und mit lîbe,


sie hatte und zeigte ihm gegenüber

Treue und viel von der Liebe,

die eine Freundin zu einer Dame zu haben hat,

wenn sie miteinander zu tun haben.

Mit der Liebe Achills

verhielt es sich allerdings anders.

All die Zuneigung, die er empfand,

die glänzte klar und edel wie Gold.

Er war ihr mit Herz, Haut und Haaren

so ergeben,

Donnerstag, 28. Oktober 2021

15490-15499

daz selbe tet der guote

mit liuterlichen triuwen ir.

sus truogen holdes herzen gir

z’ein ander disiu beide.

doch was ein underscheide

ir zweiger minne dô gegeben.

ir liebe diu wart underweben

mit ungelîchem willen.

Dêîdamîe Achillen

einvalteclîche meinte,


das gleiche tat der Gute

ihr gegenüber, mit reiner Treue. 

So fühlten also diese beiden Zuneigung, 

mit einander zugewandten Herzen.

Dennoch gab es in der Liebe der beiden

einen Unterschied.

Ihre Zuneigung war von

einem ungleichen Willen durchwoben.

Deidamie mochte Achill

auf arglose Weise,

Mittwoch, 27. Oktober 2021

15480-15489

daz was der küniginne

vil gar ein wildez mære.

si wânde, daz er wære

ein einvaltigiu tohter.

von dirre sache mohter

deste baz ir wonen bî,

wan si wart sîn ungerne vrî

den âbent und den morgen vruo.

si trat im unde sleich im zuo

mit willeclichem muote;


davon wusste die Königin

überhaupt nichts.  

Sie dachte, er sei einfach

eine zutrauliche Tochter.

Dadurch konnte er

umso einfacher bei ihr sein,

denn sie verzichtete

von morgens bis abends nur ungern auf ihn.

Sie trat zu ihm und ging zu ihm

ganz bereitwillig; 

Dienstag, 26. Oktober 2021

15470-15479

daz er si kunde tougen

erværen unde liute bar.

ouch nam diu minneclîche war

mit triuwen sînes lîbes.

sît daz er eines wîbes

und einer frouwen bilde truoc,

sô was ir daz gemæze gnuoc,

daz si geselleschaft im büte.

daz sîn gemüete in leide süte

nâch ir und nâch ir minne,


um sie heimlich

und ohne andere Leute anzutreffen.

Zudem zeigte sich die Liebenswerte

auch ihm zugewandt. 

Da er das Aussehen einer Frau 

und einer Dame hatte,

war es für sie völlig in Ordnung,

ihm Gesellschaft zu leisten.

Dass sein Denken und Wollen 

wegen ihr und ihrer Liebe leidvoll brannte,