Mittwoch, 12. Januar 2022

15800-15809

den nam diu sælic unde enpfienc

vür guot von im spât unde fruo,

noch het arcwânes niht dar zuo,

daz er mit ir was gemelich.

dô si gefröuten sament sich

ûf der plânîe lange

und von der vogele sange

ein hôchgemüete enpfiengen,

dô kêrtens’ unde giengen

mit ein ander wider hein


die nahm die vom Glück Gesegnete hin

und dachte sich weder morgens noch abends etwas dabei,

vermutete dahinter auch nichts Böses,

dass er so ausgelassen mit ihr umging. 

Nachdem sie lange auf der 

Ebene gemeinsam eine freudvolle Zeit verbracht hatten

und der Gesang der Vögel

in ihnen ein Glücksgefühl ausgelöst hatte,

gingen sie miteinander

zurück, wieder nach Hause, 

Dienstag, 11. Januar 2022

15790-15799

als inneclîche tücke schîn,

daz si wol mohte hân gesehen,

daz im unsanfte was geschehen

von ir und von ir lîbe.

dô was eht einem wîbe

sîn clârez bilde sô gelîch,

daz diu juncfrouwe tugentrîch

getriuwen mohte niht, daz er

ûf si trüeg eines mannes ger.

Swaz schimpfes er mit ir begienc,


zeigte er ihr, was in ihm vorging,

so dass sie sicherlich hätte sehen können,

dass ihm durch sie

Unheil zugefügt wurde.

Da aber sein strahlendes Äußeres

einer Frau so ähnelte,

konnte das tugendhafte Mädchen

nicht auf den Gedanken kommen, dass er 

ihr mit dem Begehren eines Mannes begegnete. 

Ganz egal, welche Späße er mit ihr trieb,

Montag, 10. Januar 2022

15780-15789

und alsô bleich von sender nôt,

daz ez der minne wol geviel.

sîn herze in ungemüete wiel

unde in grimmer nœte starc,

daz er mit rede alsô verbarc,

daz si niht mohte wizzen,

daz er sô gar verflizzen

was ûf ir minne tougen.

er tet ir mit den ougen

und mit der wîzen hende sîn


so rot und so bleich,

dass die Liebe ihre Freude daran hatte.  

Sein Herz wurde von Kummer bewegt

und von schlimmer, heftiger Qual,

weil er, damit sie es nicht erfuhr,

mit Worten verborgen hielt,

dass er mit Haut und Haaren

heimlich in Liebe zu ihr entbrannt war.

Mit den Augen 

und mit seinen weißen Händen

Freitag, 17. Dezember 2021

15770-15779

dâ von sluoc si der clâre

des mâles mit dem rîse

und traf si doch sô lîse,

daz ir der slac tet sanfte wê.

dâ nider ûf den grüenen clê

warf si der knappe spæhe.

als ez dur schimpf geschæhe,

sus leite er ûf ir brüstelîn

die linden blanken hende sîn

und wart denn iemer alsô rôt


deshalb hat er sie damals

mit dem Zweig geschlagen

und sie doch so behutsam getroffen,

dass ihr der Schlag kaum wehgetan hat. 

Hinab auf das grüne Gras

warf sie der geschickte Jüngling 

und er legte, ganz so, als würde es im Spiel geschehen,

auf ihr Brüste

seine zarten, weißen Hände –

und immer dann, wenn das geschah, wurde er wegen seiner Liebesqualen 

Donnerstag, 16. Dezember 2021

15760-15769

ob ir mit worten sîn gedanc

wære entslozzen und geseit,

im hæte lîhte sîniu leit

geringet diu getriuwe maget.

nû was an schame alsô verzaget

daz herze und daz gemüete sîn,

daz er mit rede sînen pîn

niht getorste künden ir.

er wolte ir sînes herzen gir

entsliezen mit gebâre,


Wenn ihr seine Gedanken mit Worten

aufgeschlosse und gesagt worden wären,

hätte ihm das zugeneigte und wohlmeinende Mädchen

vielleicht sein Leid gelindert;

allerdings war sein Herz und sein Gemüt

durch die Scham so verschüchtert,

dass er ihr seine Qual mit Worten

nicht zu sagen traute.

Er wollte ihr sein Begehren

durch Taten enthüllen;

Montag, 13. Dezember 2021

15750-15759

wie solt ir aber werden kunt

diu tougenlîche minne sîn,

sît daz diu werde künigîn

des wânde, daz er wære

ein maget wunnebære.

Der schœnen wâren sîniu dinc

ein tougenlicher hælinc

und ein verborgenlich geschiht:

dâ von enwiste si des niht,

daz er nâch ir minne ranc.


Wie sollte sie aber 

von seiner heimlichen Liebe erfahren,

da die edle Königin

dachte, dass er

ein liebenswertes Mädchen sei?

Der Schönen waren seine Angelegenheiten

ein großes Geheimnis

und eine verborgene Sache.

Deshalb wusste sie nicht,

dass er um ihre Liebe kämpfte.  

Freitag, 10. Dezember 2021

15740-15749

dâ bî man die beswærde

der minne kiesen müeze:

dar umbe ouch dirre süeze

und dirre werde jungelinc

tet vil ofte manic dinc,

dâ bî diu reine guote

wol mohte in irem muote

gemerket hân die trûtschaft,

mit der sîn herze was behaft

verborgenlichen alle stunt.


woran man die Mühen

der Liebe erkennt.

Deshalb tat auch dieser süße,

edle junge Mann

immer wieder Dinge,

bei denen sie, die rein und gutmütig war,

die Zuneigung

durchaus merken und erkennen konnte,

die die ganze Zeit hindurch heimlich

an seinem Herzen haftete.