Donnerstag, 22. Oktober 2020

13420-13469

13420

und man daz wunder briuwet
und man si wider mache alsus,
sô weiz ich wol, daz Prîamus
lât niemer ungerochen,
daz im diu stat zerbrochen

13425

wart von den Kriechen alsô gar.
hier an sô wirde ich wol gewar,
daz sich ein grôz urliuge hept.
swie man die stat alumbe grept
und si gemûret werden mac,

13430

daz wirt den Kriechen noch ein slac
und muoz mîn sun Achilles
engelten ouch vil lîhte des,
daz Troiæren ist geschehen.
urliuges muoz man sich versehen

13435

nû leider alze lange zît:
ûf einen grimmen herten strît
geziuhet sich diz biuwen,
dâ von wil ich entriuwen
Achillen vor dem tôde sparn.

13440

ich sol behüeten und bewarn,
daz er niht kom ze strîte
vür Troye in sîner zîte
und er dâ werde niht erslagen.
sît daz ich von dem wîssagen

13445

des schaden sîn gewarnet bin,
dur waz solt ich in denne hin
lân komen zuo der veste?
mir ist daz allerbeste,
daz ich nâch im kêr unde var

13450

und ich in tougen eteswar
tuo den liuten ab dem wege.
ich nim in ûz Schyrônes pflege
und füere in ûz der wilde.
sîn wunneclichez bilde

13455

daz wil ich von dem lande steln
und allen Kriechen vor verheln,
wâ der hôchgeborne sî.
si müezent sîn hie werden vrî,
wan ich verbirge in wol vor in.

13460

ê daz er disen ungewin
von Troiæren kiese,
daz er den lîp verliese,
ê tuon ich in gar under
und flœhe in dar besunder,

13465
dâ nieman sîn wirt innen.
ich wil nâch im von hinnen
kêren in Thessâliam.
von sînem meister lobesam
sol ich in füeren tougen



13420

und man das Wunder hervorbringt 
und sie wieder befestigt.
Ich weiß wohl zu gut, 
dass Priamos nie ungestraft lassen wird,
dass seine Stadt von den Griechen
 
13425

zerstört wurde. 
Nun wird mir also gewahr,
dass sich ein großes Unglück anbahnt.
So wie man die Stadt mit einem Graben umgibt 
und die Mauern errichtet,
 
13430

das wird den Griechen noch ein Verderben und 
mein Sohn Achilles muss
mit viel Leid dafür bezahlen,
was den Trojanern geschehen ist.
Nun muss man sich für lange Zeit
 
13435

auf eine Fehde vorbereiten.
Dieses Bauen läuft auf einen 
heftigen Kampf hinaus.
Deshalb will ich Achilles wahrhaftig 
von dem Tode zurückhalten. 

13440

Ich muss behüten und dafür Sorge tragen,
dass er zu seiner Lebzeit vor Troja nicht 
in einem Kampf gerät
und er dort nicht erschlagen wird.
Seit ich von dem Weissager
 
13445

vor seinem Verlust gewarnt wurde:
Weshalb sollte ich ihn zu dieser Festung
hingehen lassen?
Mir scheint es das Beste zu sein,
dass ich zu ihm gehe und mich um ihn kümmere
 
13450

und ihn woanders von Menschen fernab 
der Wege erziehen lasse.
Ich löse ihn aus Cheirons Obhut
und führe ihn aus der Wildnis.
Seine herrliche Gestalt werde 

13455

ich dem Land stehlen 
und allen Griechen verheimlichen,
wo dieser Hochgeborene sei.
Sie müssen ihn hier entbehren, 
denn ich werde ihn gut vor ihnen verbergen. 

13460

Bevor er Schaden von 
den Trojanern erfährt, 
so dass er sein Leben verliert,
würde ich ihn eher verstecken
und mit ihm alleine dorthin fliehen,
 
13465

wo ihn niemand kennt.  
Ich werde zu ihm 
nach Thessalien gehen.
Von seinem geschätzten Lehrer 
muss ich ihn heimlich wegführen

Montag, 19. Oktober 2020

Kommentar

Der Beginn ist tricky: »manger hande« (V. 13371) würde ich mit »viel« oder »vielerlei« übersetzen. »manger hande arebeit« zum Beispiel würde dann »viel(erlei) Mühe« heißen. Die hier zu diskutierende Stelle hieße dann etwa: »Er begann, die Stadt mit viel Aufwand (oder vielleicht: großem Engagement) wieder aufzubauen«. Nun ist es aber so, dass der Aufwand hier wohl tatsächlich darin besteht, dass viele Leute mit anpacken – so dass die Übersetzung dann doch auch wieder nicht falsch ist... 

Das »buwe« (V. 13374) mit »Baukunst« zu übersetzen, das gefällt mir gut! Wiederum etwas schwierig ist die Passage ab V. 13380. Warum setzt die Erzählinstanz hier mit einer expliziten Moderation ein (»als ich iu noch entsliezen wil«)? Und wie genau geht man mit den Enjambements in den folgenden beiden Versen um? Mein Vorschlag wäre folgender: »Auf diese Weise ließ er die Stadt Troja errichten, / so gut, dass er von nun an stets Vertrauen hatte, / in ihre schützende Macht – / ich werde euch noch genauer davon erzählen.« – Ich gebe zu, das ist eine größere Umstellung....

Mit dem Folgenden bin ich dann ein längeres Stück sehr einverstanden, einzig bei drei einzelnen Begriffen bin ich ins Grübeln gekommen: Bei »vestikeit« (V. 13391) könnte man überlegen, ob man »Wehrhaftigkeit« übersetzt; »wunnevar« (V. 13394) ließe sich vielleicht etwas präziser mit »angenehm« oder »ansehnlich« übersetzen; und »gewalt« (V. 13407) würde ich an dieser Stelle eher mit »Macht« übersetzen. 

Wieder ein bisschen tricky ist das »aber« in V. 13401. Ich denke, dass es hier »abermals«, »wiederum« o.ä. meint. In Griechenland erinnert man sich also wieder an die Fehde. Das ›Problem‹ taucht in V. 13415 wieder auf: Thetis ›schloss‹ Trauer und Leid »aber in ir herze«, also »erneut in ihr Herz«. Arme Thetis...

13370-13419

13370

die stat begunde er bûwen wider
mit kreften manger hande.
wercliute von dem lande
gewan er ûzer mâze vil.
swaz man ze bûwe haben wil

13375

von künsterîcher meisterschaft,
des alles wart ein übercraft
von Prîamô besendet.
sîn bû der wart vollendet
und kam mit êren ûf ein zil.

13380

als ich iu noch entsliezen wil,
sus wart er Troye biuwende
sô wol, daz er getriuwende
was ir kreften iemer.
er wânde, daz si niemer

13385

zerstœret solte werden mê.
si wart nû vester vil denn ê,
des ich iu wol her nâch vergihe,
swenn ich die zît spür unde sihe,
daz ich billichen unde wol

13390

von ir gezierde sagen sol
und von ir starken vestikeit.
Prîant der künic wart bereit
dar ûf mit hôhem vlîze gar,
daz er schœn unde wunnevar

13395

die stat begunde machen
und si mit rîchen sachen
gewieren mohte bî den tagen.
diz hôrte man ze Kriechen sagen,
wan daz mære vlouc dâ hin:

13400

des wart vil manges herzen sin
urliuges aber dô gewis.
und dô diu vrouwe Thêtis
gar endelichen daz ervant,
daz sich der künic Prîant

13405

ze Troye het gelâzen nider
und er si wolte bûwen wider
mit kreften unde mit gewalt,
dô wart ir angest manicvalt
umbe ir sun Achillesen.

13410

si dâhte, daz er niht genesen
möhte langer bî den tagen.
daz er ze Troye würde erslagen,
daz hete man ir vor geseit:
dâ von si trûren unde leit

13415

slôz aber in ir herze dô.
si dâhte wider sich alsô:
nû muoz mîn sun verderben,
sît man beginnet werben,
daz Troye werde erniuwet.



13370

Er begann, die Stadt mit der Kraft 
vieler Hände wieder aufzubauen.
Er gewann aus dem ganzen Land 
sehr viele Bauleute.
Was man sich zur Baukunst 

13375

von kenntnisreicher Fähigkeit wünschen kann,
das alles wurde im Übermaß 
von Priamos  herbeigeholt. 
Der Bau wurde vollendet 
und gelangte ehrenvoll zum Ziel.
 
13380

Wie ich euch noch enthüllen möchte,
so wurde er Troja bauend 
so gewiss, dass er immerzu 
ihre beständige Kraft war. 
Er wähnte, dass sie nie mehr
 
13385

zerstört werden sollte.
Sie war nun fester denn je erbaut.
Davon werde ich euch später berichten, 
wenn ich die Zeit verspüre und sehe,
dass ich auf angemessene Weise und gut 

13390

von ihrer Zierde und Befestigung 
erzählen soll. 
Priamos, der König, war
mit großem Fleiß darauf bedacht,
die Stadt schön und 

13395

wunderbar zu machen
und sie mit Reichtum 
zu schmücken.
Das hörte man bis nach Griechenland, 
denn die Kunde flog dort hin.

13400

Davon wurden viele Herzen 
der Fehde gewahr.
Als Thetis, die Herrin, 
schließlich davon erfuhr,
dass sich König Priamos
 
13405

in Troja niedergelassen hatte
und die Stadt mit aller Kraft und Gewalt
aufbauen wollte ,
da bekam sie große Angst
um ihren Sohn Achilles.
 
13410

Sie dachte, dass er nicht mehr
lange am Leben bleiben würde.
Dass er vor Troja erschlagen würde,
das hatte man ihr vorausgesagt:
Dadurch empfand sie Trauer und Leid, 

13415

das sie jedoch in ihrem Herzen verschloss. 
Sie dachte bei sich:
„Nun muss mein Sohn zugrunde gehen,
da man damit begonnen hat,
Troja zu erneuern, 

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Kommentar

Bei »dar zuo gedenkent« (V. 13320) würde ich vorschlagen, sich in der Übersetzung etwas weiter vom Mittelhochdeutschen zu entfernen: »Überlegt euch außerdem« oder »Macht euch Gedanken darüber«. Auch für das »füege« im Folgevers bräuchten wir, glaube ich, eine üblichere Formulierung (z.B. »wenn es sich ergibt«, »wenn es dazu kommt«). Beim »ze« in V. 13323 würde ich allerdings nahe am Mittelhochdeutschen bleiben wollen: »trauert nicht zu sehr« (ein bisschen Trauer ist schon okay, scheint mir). 

Das Wort »state« (V. 13328) musste ich in den Wörterbüchern nachschlagen. Es scheint etwas gemeint zu sein wie »Ressourcen«, »Mittel«, »Fähigkeiten«. Insofern trifft »Stärke« die Sache vielleicht ganz gut.

Der Bereich um V. 13335 gefällt mir sehr gut – nur in V. 13339 muss die Übersetzung ein wenig anders lauten, glaube ich: »wenn man meine Vorschläge berücksichtig« (wörtlich: »falls man auf meine Lehre/Vorschläge schaut«). 

In V. 13343 würde ich »wenden« übersetzen, statt »kehren« (denn das würde man im Gegenwartsdeutsch so nicht sagen, denke ich). Beim Rest bin ich größtenteils sehr einverstanden. Das »ân alle trüge« (V. 13356) ist nicht leicht zu übersetzen; vielleicht könnte man einfach etwas schreiben wie »Ihr könnt mir uneingeschränkt glauben«. In V. 13363 sollte man vielleicht den Konjunktiv verwenden. Aber das sind jetzt nur Kleinigkeiten.

13320-13369

13320

dar zuo gedenkent, wie wir daz
gerechen, swenne ez füege sich.
herr unde vater lobelich,
niht trûrent nû ze sêre
und volgent mîner lêre,

13325

sô wirt iu vröude noch erkant.
geruochent senden in diu lant
nâch liuten und nâch ritterschaft.
al iuwer state und iuwer kraft,
die legent hie ze Troye nider

13330

und biuwent iuwer veste wider
und iuwer küniclichen stat.
waz ob ir noch gelückes rat
beginnent umbe trîben!
wir sülen hie belîben,

13335

biz Troye wirt gesterket,
swaz liute uns ane merket,
daz uns die fürhten iemer mê.
si wirt nû vester vil denn ê,
swie man an mîne lêre siht.

13340

und alzehant sô daz geschiht,
daz wir mit mûren und mit graben
die stat vil wol versichert haben,
sô kêrent dar ûf unser kraft,
daz wir die Kriechen schadehaft

13345

gemachen ûf der erden
und wir gerochen werden
an ir lîben mit gewalt.
den grimmen schaden manicvalt,
den wir von in genomen hân,

13350

der wirt mit râche widertân,
ist, daz wir Troye alsô bewarn,
daz wir dar ûz ân angest varn
und wir des sicher mügen sîn,
daz nieman hinder uns dar în

13355

gevallen und gebrechen müge.
geloubent, herre, ân alle trüge,
daz wir gerechen unser leit.
dâ von sint vrœlich und gemeit
und lâzent iuwer ungehabe

13360

und iuwer hôhes trûren abe!
Der rât geviel in allen wol.
si jâhen, daz er witze vol
und rîcher tugent wære.
der künic sîner swære

13365

begunde mâzen sich zehant.
er hiez dô senden in diu lant
nâch liuten und nâch ritterschaft.
mit rîcher und mit hôher kraft
leite er sich ze Troye nider.



13320

Denkt daran, wie wir das rächen,
wenn es sich fügt.
Löblicher Herr und Vater,
trauert nicht so sehr
und hört meine Worte, 
 
13325

so werdet Ihr wieder Freude finden.
Macht Euch bereit, im ganzen Land 
nach Leuten und nach Ritterschaft auszusenden.
Bündelt eure ganze Stärke und 
Kraft hier in Troja 

13330

und baut eure Festung und
eure königliche Stadt wieder auf .
Vielleicht könnt Ihr das Rad des Glückes 
wieder in Bewegung setzen! 
Wir sollten hierbleiben,

13335

bis Troja wieder erstarkt ist,
damit uns all diejenigen Leute, die uns angrenzen,
von neuem fürchten.
Die Festung wird gewaltiger als früher werden, 
wie man an meiner Lehre sieht.
 
13340

Und wenn das geschieht,
dass wir die Stadt mit Mauern und 
Gräben geschützt haben, 
so kehren wir unsere Kraft darauf,
dass wir den Griechen

13345

auf der Erde Schaden zufügen
und wir uns an ihrem Leben 
mit Gewalt rächen werden.
Das schreckliche, mannigfache Leid,
das wir durch sie erlitten haben,

13350

wird mit Rache vergolten,
wenn wir Troja so beschützen,
dass wir ohne Angst daraus weggehen 
und uns sicher sein können, 
dass niemand hinter uns 

13355

einfallen und einbrechen kann.
Ihr könnt mir ohne Trug glauben, Herren, 
dass wir unseren Kummer rächen werden. 
Davon seid frohgemut und tapfer
und lasst von eurer Klage
 
13360

und von eurem starken Trauern ab.
Der Rat gefiel ihnen allen gut.
Sie sagten, dass er weise 
und voller Tugend war.
Der König begann sofort, 

13365

seine Schwermut zu mäßigen.
Er befahl im ganzen Land 
nach Leuten und Rittern zu schicken.
Mit starker und großer Kraft
lagerte er zu Troja.

Montag, 12. Oktober 2020

Kommentar

Die Syntax zu Beginn der Textstelle ist seltsam und schwierig. Ich frage mich, ob im V. 13270 tatsächlich von den »acht Kindern« oder nicht eher von dem »achten Kind« die Rede ist – aber dagegen spricht wohl der V. 13281. Bis auf Weiteres habe ich zu dieser Stelle auf jeden Fall keinen besseren Vorschlag.

Das »doch« in V. 13276 würde ich vielleicht mit »dennoch« übersetzen, um den Gedankengang noch etwas deutlicher zu machen. Wenn man mittelhochdeutsch »edel« mit »adlig« übersetzt, ist das Konzept für heutige Leserinnen vielleicht anschaulicher. Das »wan« in V. 13285 würde ich kausal verstehen und mit »weil« übersetzen; für das »genesen« in V. 13294 lassen sich vielleicht bessere Lösungen finden, z.B.: »doch handelte er wie jemand, der sich nicht unterkriegen lassen will«. Davon abgesehen finde ich, dass die Passage ab V. 13285 sehr gelungen ist.  

In V. 13304 ist von einer »veigen ungeschicht« die Rede. Mittelhochdeutsch »ungeschicht« meint Unglück, Missgeschick oder unglücklichen Zufall. Und »veige« ist etwas, das zum Unglück oder Tod bestimmt ist. Wie wäre »verheerendes Unglück« oder »katastrophales Unglück«?

Auch für das »nider legen« (V. 13314) ließe sich vielleicht noch eine anschaulichere Übersetzung finden. Sehr spannend finde ich die Übersetzung von V. 13319 (»sie wissen nicht, zu welchem Preis«). Auf diese Variante wäre ich nicht gekommen – aber das könnte tatsächlich genau das sein, was hier gemeint ist!

13270-13319

13270

dis ahte kint erkennet
gar biderb unde stæte
der künic Prîant hæte
von sîme êlichen wîbe clâr.
noch hete er drîzic sün vür wâr,

13275

die von der ê niht wâren komen.
doch was ir leben ûz genomen
und zuo hôhem prîse erkorn.
ir iegelicher was geborn
von einer muoter, als ich las,

13280

diu von geburt gar edel was.
Diu drîzic und dis ahte kint,
diu von mir hie genennet sint,
diu truogen alle jâmer dô
mit ir vater Prîamô,

13285

wan in sîn leit ze herze traf.
daz lûter und daz clâre saf
gienc ûz ir liehten ougen tor,
wan daz der biderb Hector
niht möhte dâ geweinen.

13290

sîn muot begunde ersteinen
in ritterlicher frumekeit.
sîn schade was im alsô leit,
als er von rehte solte wesen,
doch tet er als der wil genesen

13295

und niht von leide kan verzagen.
er lie belîben allez clagen
und trôste sînen werden vater.
den tugentrîchen künic bater,
daz er sîn trûren lieze sîn.

13300

er sprach: herr unde vater mîn,
lânt iuwer strengen ungehabe
durch iuwer hôhen tugent abe,
wan trûren daz enhilfet niht
zuo dirren veigen ungeschiht,

13305

man muoz iht anders tuon dar zuo.
daz ieman riuweclichen tuo,
daz lânt verboten werden.
jô zimt ez wol ûf erden,
daz vreche helde sint gemeit

13310

nâch schedelicher arebeit
und nâch verlüste niht verzagen.
welt ir ein trûric herze tragen,
sô wirt al iuwer diet verzeget.
clag unde trûren nider leget

13315

manheit und ellentrîchen sin:
des werfent allez jâmer hin!
daz ist iu nû daz beste.
uns hânt die leiden geste
verhert, si enwizzent umbe waz.



13270

Diese acht Kinder,
die er von seinem schönen Eheweib bekam,
hielt König Priamus für 
tüchtig und beständig.
Außerdem hatte er, fürwahr,

13275

dreißig uneheliche Söhne.
Doch war ihr Leben außerordentlich
und zu hohem Ruhm bestimmt.
Ein jeder war geboren,
wie ich las, von einer Mutter,

13280

die von Geburt an edel war.
Die Dreißig und die acht Kinder,
die von mir genannt wurden,
die teilten alle den Kummer
mit ihrem Vater Priamus,

13285

als ihn sein Leid im Herzen traf.
Reine und aufrichtige Tränen
quollen aus ihren lichten Augen hervor,
nur der tüchtige Hektor vermochte 
das nicht zu beweinen.

13290

Seine Gedanken begannen sich 
in ritterlicher Tapferkeit zu verhärten.
Sein Verlust war ihm ein solches Leid,
wie er auch rechtmäßig sein sollte,
doch handelte er wie jemand, der genesen will,

13295

und ließ sich nicht von Leid verzagen.
Er ließ bleiben alles Klagen
und tröstete seinen würdigen Vater.
Er bat seinen tugendreichen König,
dass er sein Trauern sein ließe.

13300

Er sprach: “Mein Herr und Vater,
lasst von Eurem unerbittlichen Klagen
um eurer Tugendhaftigkeit willen ab,
denn das Trauern hilft nicht
gegen diese verderbte Untat;

13305

man muss anders vorgehen.
Es sollte unterbunden werden,
dass jemand in Trauer versinkt.
Es gehört sich so auf Erden,
dass kühne Helden nach unsäglichen Mühen 

13310

lebensfroh sind 
und nach Verlusten nicht verzagen.
Wollt Ihr ein trauerndes Herz tragen, 
so wird euer ganzes Volk entmutigt.
Klagen und Trauern legt 

13315

Mannheit und heldenhaften Verstand nieder:
Verwerft deshalb allen Kummer! 
Das ist jetzt das Beste.
Die leidbringenden Fremden haben uns besiegt; 
sie wissen nicht, zu welchem Preis.