Donnerstag, 1. Oktober 2020

Kommentar

Die Formulierung der Übersetzung von V. 13220 (»wäre besser in einem Grab aufgehoben«) gefällt mir gut und das ›überströmende Herzeleid‹ direkt danach ist im Prinzip auch gut, könnte aber vielleicht noch ein bisschen anschaulicher sein (z.B. »Ich werde überspült von...« – oder vielleicht sogar: »Ich ertrinke in...«). 

Bei V. 13226f. frage ich mich, ob der helle Sonnenschein eigentlich ›erleuchten‹ kann; vielleicht sollte man »hell leuchten« o.ä. übersetzen. Und die Verse direkt danach sind schwierig. Die erste Gruppe hatte übersetzt: »Sein Verlust soll mich in Betrübnis versetzen, welche durch große Ehre belohnt wird.«

Im Folgenden bin ich dann sehr einverstanden und habe nur Kleinigkeiten zu vermerken: Das »nicht gerne erfahren« in V. 13243 scheint mir etwas zu blass zu sein; bei V. 13257 müsste man das »iu« noch übersetzen (»damit ihr sie kennenlernt«); und das »wîs« in 13264 sollte man auch übersetzen, denke ich, zumal es auch ein bisschen was aussagt über die Geschlechterverhältnisse. 

13220-13269

13220

der zæme baz in eime grabe,
denn er ûf erden solte leben.
mir ist der überfluz gegeben
ob allem herzesêre,
sît daz ich hân mîn êre

13225

verloren und den vater mîn,
der als der clâren sunne schîn
durchliuhtic was an triuwen.
sîn leben sol mich riuwen
dur manger hôhen tugende lôn.

13230

vil werder künic Lâmedôn,
daz ich niht tôt bî dir gelac!
owê, daz ich niht sterben mac
von endelôser herzeclage!
die göte wellent, daz ich trage

13235

des bitterlichen tôdes nôt,
ob ich niht reche dînen tôt
und mîne werden ritter.
ich sol ir schaden bitter
mit herzen und mit handen

13240

sô willeclichen anden,
daz man wol hœret unde siht,
daz ich ir veigen ungeschiht
ungerne hân befunden.
got lâze mich ir wunden

13245

mit râche widertrîben,
od tôt dur si belîben.
Die clage treip der künic hêr.
sîn jâmer und sîn herzesêr
wâren michel unde grôz.

13250

ûz sînen clâren ougen flôz
vil manic trahen bitter.
er schuof, daz sîne ritter
bestuonden aller wunne vrî.
fünf süne und sîner tohter drî

13255

die truogen mit im jâmers vil.
ir namen ich iu nemmen wil,
dur daz si würden iu bekant.
ein sun was Trôilus genant
und der ander Hêlenus.

13260

der dritte hiez Deîfebus,
als ich an der hystôrje las.
Hector genant der vierde was,
der fünfte der hiez Pârîs.
ouch nenne ich iu die tohter wîs

13265

mit worten hie gemeine.
Andrimachâ hiez eine,
Pollixinâ diu ander,
diu dritte was Cassander
geheizen und genennet.



13220

der wäre besser in einem Grab aufgehoben,
als auf der Erde zu leben.
Mir strömt das Herzeleid über, 
seitdem ich mein Ansehen 
und meinen Vater 

13225

verloren habe,
der wie der helle Sonnenschein
erleuchtet war von Treue.
Sein Leben soll mich den Lohn 
so mancher Tugend bereuen lehren.

13230

Ehrenwerter König Lamedon,
dass ich nicht tot an deiner Seite lag! 
Ach, könnte ich doch sterben
an dieser endlosen Herzensqual!
Die Götter wollen, dass ich die 
 
13235

Not des bitteren Todes trage,
wenn ich nicht deinen Tod und den 
meiner tapferen Ritter rächen kann.
Ich muss den Verlust 
mit Herz und Hand

13240

unbedingt rächen,
damit man hört und sieht,
dass ich ihr tödliches Unglück
nicht gerne erfahren habe.
Gott, lass mich ihre Wunden  

13245

mit Rache vergelten
oder um ihretwillen den Tod finden.
Die Klage trieb den tapferen König um,
sein Jammern und sein Schmerz
waren heftig und groß.

13250

Aus seinen klaren Augen floss
so manche bittere Träne,
er verschuldete, dass seine Ritter
keine Freude mehr empfanden.
Fünf Söhne und drei Töchter

13255

trauerten mit ihm.
Ihre Namen will ich euch nennen,
damit sie bekannt werden.
Ein Sohn wurde Troilus genannt,
der zweite Helenos und

13260 

der dritte hieß Deiphobos.
So las ich es in der Historie.
Der vierte wurde Hektor genannt
und der fünfte hieß Paris.
Ich will euch auch die Töchter nennen
 
13265

mit verständlichen Worten.
Andromache hieß die eine,
Polyxenia die andere,
die dritte wurde Kassandra 
genannt und gerufen.

Montag, 28. September 2020

Kommentar

»Wehe« (V. 13170) ist, sagt der Duden, entweder »Ausruf der Klage, Bestürzung o. Ä.« oder »Ausruf, mit dem man etwas Schlimmes, Unheilvolles o. Ä. ankündigt oder androht«. Man könnte die Übersetzung im Sinne der zweiten Bedeutung so verstehen, als würde dem Verbrechen etwas Schlimmes angekündigt. Ich würde allerdings vermuten, dass die Stelle als »Ausruf der Klage« zu verstehen ist. Deshalb würde ich eher etwas übersetzen wie »oh weh, welch Verbrechen«.

Hinsichtlich der »tugent« (V. 13172) hatte ich im Kommentar zur Übersetzung der ersten Gruppe geschrieben, dass möglicherweise etwas gemeint ist wie »(hilfreiche) Tätigkeit«. Und da man das so wohl eher nicht übertragen kann, war mein Vorschlag: »Ach Gott, dass Deine Wohltätigkeit und deine Ehre ein Ende gefunden haben.«

Die Verse V. 13184ff. sind sehr schwierig, finde ich. Negationen funktionieren im Mittelhochdeutschen nicht immer so wie im Neuhochdeutschen und das könnte so eine Stelle sein, an der dies zu Problemen führt. Ich tendiere zu einer explizierenden Übersetzung, einer Übersetzung, bei der man ein wenig hinzufügt, um die Stelle deutlicher vor Augen zu stellen. Ich verstehe die schwierige Stelle folgendermaßen: »Wenn es jemals ein Herz gegeben hat, das von tödlichem Leid durchdrungen war, dann meines, denn tödlicher Schmerz liegt tief verwahrt und verschlossen in meiner Brust.« – Die Doppelformel »verwahrt und verschlossen« ersetzt das »siegeln«, das heutzutage vielleicht nicht mehr anschaulich genug ist. 

Beim »verweisen« in V. 13201 würde ich dafür plädieren, in der Übersetzung näher am Mittelhochdeutschen zu bleiben, denn die Genannten sind ja nicht nur einsam, sondern tatsächlich ganz konkret zu Waisen geworden. Und die »megde« in V. 13202 sind, glaube ich, keine »Edelfrauen«, sondern einfach junge (unverheiratete) Frauen. 

Das waren jetzt viele Verbesserungsvorschläge – dafür hatte ich aber auch Zeit, weil ich finde, dass die Textstelle ingesamt flüssig und stilsicher übersetzt wurde!

13170-13219

13170

owê der meintæte,
daz man dich sus ermürdet hât!
ach got, daz dîner tugende rât
und dîn êre sî gelegen!
ich weiz wol, hôchgelopter degen,

13175

daz dû dich wertest harte,
ê dich dîn widerwarte
gar sigelôs getæte.
ob niht daz alter hæte
daz ellent dîn geswachet,

13180

sô müeste sîn erkrachet
vor dîner hende manic man,
ê man dich tôten hæte dan
gefüeret von der heide.
ob ie mit tôdes leide

13185

durgründet wart kein herze,
sô lît tœtlicher smerze
versigelt tiefe in mîner brust.
vil gar ze strenge ist diu verlust,
diu mich beswæret mit ir kraft.

13190

ach, ûz erweltiu ritterschaft
von Troye, wie bist dû gedigen!
wie siht man dich zerhouwen ligen
und zerstücket hiute!
owê lant unde liute,

13195

war umbe hân ich iuch verlorn?
hey, werden frouwen hôchgeborn,
waz gêt iuch grimmes jâmers an
umb iuwer herzelieben man,
die tôt vor iu gelegen sint.

13200

ach, künges tohter und ir kint,
wie sint ir sus verweiset gar.
ir stolzen megde wunnevar,
waz ist iu leides hie geschehen?
daz ich sol iuwer jâmer sehen

13205

und iuwer marterlichen clage,
des muoz ich alle mîne tage
in herzeleide werden grâ.
hey, swester mîn Esyonâ,
ein bluome ob allen wîben,

13210

wie sol ich vrô belîben,
swenn ich gedenke der getât,
daz man dich sus gezücket hât
in roubes wîs von hinnen?
ich muoz dur dich gewinnen

13215

tœtlichez leit besunder.
ez ist ein vremdez wunder,
daz ich ersterben niht enkan.
der alsô manigen werden man
verlüre, als ich verloren habe,



13170

Wehe dem Verbrechen,
dass man dich so ermordet hat!
Ach Gott, dass dein tugendhafter Rat
und deine Ehre niederliegen!
Ich weiß wohl, hochgelobter Kämpfer,

13175

dass du dich vehement gewehrt hast,
bevor dich dein Widersacher
getötet hat.
Wenn das Alter deine Tapferkeit 
nicht geschwächt hätte,
 
13180

so müssten deine Hände 
viele Männer erschlagen haben, 
bevor man dich tot von der 
Ebene hätte führen können. 
Wenn kein Herz jemals mit solch einem Todesleid

13185

durchdrungen wurde,
so liegt tödlicher Schmerz 
tief versiegelt in meiner Brust.
Der Verlust wiegt viel zu schwer, 
der mich mit seiner Bürde belastet. 

13190

Ach, auserwählte Ritterschaft
von Troja, was ist aus dir geworden?
Man sieht dich heute zerschlagen liegen
und zerstückelt.
Wehe, Land und Leute
 
13195

warum habe ich euch verloren?
Ach, ihr hochgeborenen Damen,
welchen schlimmen Schmerz müsst ihr
wegen euren geliebten Männern ertragen
die tot vor euch liegen?
 
13200

Ach, königliche Tochter und deine Kinder, 
wie einsam seid ihr nun?
Ihr stolzen wunderbaren Edelfrauen,
was ist euch hier an Leid widerfahren?
Dass ich euren Kummer sehen muss
 
13205

und eure qualvolle Klage,
davon muss ich nun all meine Tage 
unter Schmerzen alt werden. 
Ach, meine Schwester Hesione,
du Blume aller Frauen,

13210

wie soll ich froh bleiben,
wenn ich an die Tat denke,
dass man dich in räuberischer Weise
fortgerissen hat.
Wegen dir erlange ich besonders

13215

tödliches Leid.
Was für ein merkwürdiger Zufall,
dass ich nicht sterben kann.
Wer so viele vortreffliche Männer verlieren würde
wie ich verloren habe,

Dienstag, 22. September 2020

Kommentar

Beim »Heranrauschen« der Nachricht (V. 13121) hätte man vielleicht ein bisschen näher an der mittelhochdeutschen Formulierung bleiben können (z.B. »verbreitete sich wie im Flug«). Die »stæte« des Königs (V. 13124) würde ich eher mit »treu« übersetzen, weil man sich, glaube ich, heute unter einer königlichen Beständigkeit nicht so viel vorstellen kann (wenn man nicht weiß, dass das ein Wert war). Und hinsichtlich des Todes Lamedons (V. 13125) könnte man »hat sterben sehen« übersetzen, weil »tot gesehen wurde« meinem Eindruck nach so ein bisschen zufällig klingt.

Im Folgenden bin ich dann lange sehr einverstanden. Die »Klagerufe« (V. 13133) fand ich sehr schön, auch die »Anteilnahme« (V. 13135). Statt die Fehde »niederzulegen« (V. 13142) würde ich eher davon sprechen, die Fehde zu »beenden« oder vielleicht auch, die Fehde »aufzugeben« – eigentlich müsste man sich anhand der Wörterbücher und anhand von Parallelstellen einmal ansehen, ob das ein einseitiger oder ein beiderseitiger Akt ist...

Bei der blühenden Freude, die von Reif zerstört wird (V. 13152f.) stelle ich mir eine Blüte vor, die vereist und zerspringt. Die Verse 13155f. miteinander zu verbinden, das liest sich sehr gut, finde ich. Das »riuwen« (V. 13158) würde ich allerdings nicht mit »bereuen« übersetzen. Gott hat, glaube ich, nichts zu bereuen, sondern es möge ihn »reuen«, es möge ihn »traurig machen« o.ä. Und mit den restlichen Versen bin ich dann wieder ganz einverstanden.  

13120-13169

13120

diz mære hin von Troye kam
geriuschet z'in geswinde,
wie man ir lantgesinde
erslagen allez hæte
und wie der künic stæte

13125

her Lâmedon wart tôt gesehen.
swaz von den Kriechen was geschehen,
daz wart in allez dô geseit.
nû Prîamus die wârheit
umb den vater sîn vernam

13130

und im daz leide mære kam,
daz Troye was zerstœret,
dô wart von im gehœret
clag unde marterlîchiu nôt.
von herzen weint er sînen tôt

13135

mit flîzeclicher andâht.
ouch wart ze herzeleide brâht
mit im al sîn ritterschaft.
betrüebet unde jâmerhaft
liez er beliben daz gesez

13140

und kêrte sîner verte mez
von dannen gegen Troye wider.
er leite sîn urliuge nider
und îlte hein ze lande.
beswærde manger hande

13145

in sînem herzen lac begraben,
wan er begunde sich gehaben
erbermeclichen alzehant.
dô beidiu liute unde lant
verwüestet wâren und verhert,

13150

dô wart dem herzen sîn erwert
vröud unde hôchgemüete.
swaz wunne drinne blüete,
diu reis von jâmers rîfen abe.
sîn gelwez hâr mit ungehabe

13155

ûz sînem reiden houpte er brach.
vil heize weinte er unde sprach:
Hey, vater, sælic unde guot!
got riuwe, daz dîn edel bluot
âne schult vergozzen sî.

13160

und wære ich dir gewesen bî,
daz möhte niemer sîn geschehen,
daz man dich hæte alsus gesehen
erslagen von den Kriechen.
ich muoz an vröuden siechen,

13165

die wîle daz ich lebende bin,
durch den verworhten ungewin,
daz ich bî dir niht enwas.
dîn herze was ein adamas
an ritterlicher stæte.



13120

Doch die Nachricht aus Troja
verbreitete sich schnell zu ihnen,
wie man ihr ganzes Volk
erschlagen hatte
und wie der treue/ beständige König

13125

Lamedon tot gesehen wurde. 
Alles, was die Griechen getan hatten,
das wurde ihnen berichtet.
Als nun Priamos die Wahrheit
über seinen Vater erfuhr

13130

und er die leidvolle Geschichte vernahm,
dass Troja zerstört worden war,
da vernahm man von ihm
Klagerufe und qualvolle Not.
Er beweinte seinen Tod von Herzen

13135

mit großer Anteilnahme. 
Auch seine ganze Ritterschaft
litt dort mit ihm.
Betrübt und schmerzerfüllt
ließ er die Belagerung beenden

13140

und führte seine Gefährten
fort und wieder zurück nach Troja.
Er legte seine Fehde nieder
und eilte zurück in sein Land.
Großer Kummer

13145

lastete auf seinem Herzen,
denn er begann sogleich
sich mitleiderregend zu verhalten.
Weil sowohl Land als auch Leute 
geschändet und vernichtet waren, 

13150

wurden seinem Herzen Freude
und Hochstimmung verwehrt. 
Was an Glück darin blühte, 
wurde von der Kälte des Jammers ausgelöscht.
Er riss sich sich sein blondes Haar mit

13155

wildem Gebaren vom Lockenkopf,
weinte innig und sprach:
“Ach seliger und vortrefflicher Vater,
Gott muss bereuen, dass dein edles Blut
ohne Schuld vergossen worden ist.

13160

Wenn ich bei dir gewesen wäre,
wäre es niemals dazu gekommen, 
dass man dich auf diese Weise
von den Griechen erschlagen gesehen hätte.
Ich muss aller Freuden entbehren

13165

solange ich lebe
wegen des verdammenswerten Unglücks, 
dass ich nicht bei dir gewesen bin.
Dein Herz war ein Diamant 
an ritterlicher Beständigkeit.

Montag, 21. September 2020

Kommentar

Das mittelhochdeutsche »wunder« (V. 13070) mit »Heldentaten« zu übersetzen, das macht im Kontext der Stelle total Sinn und ich glaube, ich sollte meine bisherige Übersetzung bei Gelegenheit einmal durchsehen und überlegen, ob man das nicht öfter so übersetzen sollte. Auch die Übersetzung von »genesen« (V. 13073) mit »dem Tod entkommen« gefällt mir sehr gut.

Das »des« (V. 13080) könnte man in die Übersetzung übernehmen (z.B.: »Ich erzähle davon/darüber...«). Von dieser Kleinigkeit abgesehen scheint mir die Übersetzung in diesem Abschnitt sehr gelungen zu sein, zumal einige schwierige Stellen sehr elegant gelöst sind. Einzig bei der Übersetzung »nach seinem Begehr« (V. 13090) bin ich hängen geblieben; – sagt man das heute noch so? 

Die Verse 13096f. könnte man vielleicht ein bisschen genauer übersetzen, z.B.: »Lasst (mich) euch davon das erzählen und berichten, was ich darüber gelesen habe.« Statt »gefahren« (V. 13104) könnte man vielleicht »gezogen« übersetzen. Ansonsten bin ich ganz einverstanden.