Donnerstag, 9. Juli 2015

3241-3250

begund er kapfen dar ûf in
und kêrte muot, herz unde sin
dar ûf in manger hande wîs,
daz der getriuwe Pârîs
sîn ingesinde würde.
in dûhte ein swære bürde,
ob er sîn âne solte sîn.
er wart in sînes herzen schrîn
alsô besigelt und begraben,
daz er in gerne wolte haben

fing er an, ihn anzustarren
und richtete sein Gemüt, sein Herz und sein Denken
in vielfältiger Weise darauf,
den treuen Paris
zu einem Teil seiner Gefolgschaft zu machen.
Es hatte den Eindruck, dass es eine schwere Last wäre,
wenn er auf ihn verzichten müsste.
Er wurde in der Truhe seines Herzens
so besiegelt und begraben,
dass er ihn gerne haben wollte

[Ich übersetze »ingesinde« mit »Gefolgschaft«, weil mir z.B. »Dienerschaft« zu abwertend klingt. Gibt es (gute) Alternativen zu »besiegelt und begraben«? Vielleicht ginge »niedergelegt« statt »begraben«?]

Mittwoch, 8. Juli 2015

3231-3240

mit rede und mit gebâre.
dô Vênus, diu vil clâre,
verjach von im der wünne,
daz er von adels künne
wære und eines künges barn,
dô wolte er ahten unde warn
des jungelinges deste baz.
sîn herze sîn dô nie vergaz,
noch kam von im sîn ouge niht.
mit vlîzeclicher angesiht

mit Worten und durch seine Handlungen und Gesten.
Da Venus, die ungemein Schöne,
über ihn erfreulicherweise zu berichten wusste,
dass er aus adeliger Familie
sei und der Sohn eines Königs,
da wollte er auf den jungen Mann
umso mehr achtgeben und ihn beachten.
Weder vergaß ihn dort je sein Herz
noch ließ er seine Augen von ihm.
Mit eifriger Betrachtung

[Den Bedeutungsbereich von »gebâre« versuche ich mit »Handlungen und Gesten« zu umfassen. Mit der Übersetzung »erfreulicherweise« für ›im der wünne verjehen‹ bin ich nicht ganz glücklich, weil mir »erfreulicherweise« zu schwach zu sein scheint.]

Dienstag, 7. Juli 2015

3221-3230

ûf Pârîsen deste mê.
ez was sîn sun von rehter ê,
des truoc in diu natûre dar
ûf den juncherren wunnevar
und spilt im allez tougen
engegen durch diu ougen.
Im seite sîn gemüete,
daz an in beiden blüete
der wâren sippeschefte fruht.
des bôt er im êr unde zuht

auf Paris fixiert.
Es war sein Sohn, aus rechtmäßiger Ehe,
deshalb zog ihn die Natur dorthin
zu dem liebreizenden jungen Mann und Herrn
und alles leuchtet ihm heimlich
durch die Augen entgegen.
Sein Gefühl sagte ihm,
dass an ihnen beiden
die Frucht wahrer Verwandtschaft und Abstammung blühte.
Deshalb ließ er ihm Ansehen zukommen und erzeigte er ihm höfisches Verhalten

[»juncherre« übersetze ich hier mit »Mann und Herr«, um den ständischen Aspekt hervorzuheben. Ob man das konsequent tun sollte? Es würde dann aber wohl etwas ungelenk wirken.]

Montag, 6. Juli 2015

3211-3220

gar inneclîche friuntschaft,
wan sippebluot daz hât die kraft,
daz ez vil kûme sich verhilt.
ez lachet mâgen unde spilt
engegen durch der ougen türe
und machet iemer sich her füre,
swâ friunt gesitzet friunde bî.
swie tiefe ez dâ verborgen sî,
ez wirt ze liehte schiere brâht:
dâ von der künic was verdâht

in ganz inniger Verwandtenfreundschaft zugetan,
denn das Blut der Abstammung, das hat die Kraft,
sich nur mit Mühe zu verbergen.
Es blickt die Verwandtenschar freundlich an und leuchtet
zu ihnen durch die Tür der Augen
und kommt stets zum Vorschein,
wo auch immer ein Verwandter bei einem Verwandten sitzt.
Wie tief auch immer es dort verborgen sei,
es wird sogleich ans Licht gebracht:
Dadurch war der König umso mehr

[Litotische Formulierungen wie »vil kûme« sind notorisch schwierig zu übersetzen.]

Freitag, 3. Juli 2015

3201-3210

wart sîn gemüete wider in.
sîn herze truoc in allez hin,
dâ der hôchgeborne saz.
in lêrte diu natûre daz
und der sippeschefte reht,
daz im der junge süeze kneht
wart übermæzeclichen trût.
swie Prîamus niht über lût
erkande, daz er was sîn kint,
doch truoc er im ân underbint

war sein Haltung ihm gegenüber.
Sein Herz zog ihn ganz dort hin,
wo der Hochgeborne saß.
Ihn lehrten das die Natur
und die Forderungen der Verwandtschaft und der Abstammung,
dass ihm der junge, reizende Knabe
über alle Maßen hinaus lieb und vertraut war.
Auch wenn Priamus nicht klar und deutlich
erkannte, dass es sein Kind war,
war er ihm doch uneingeschränkt

[Da ich »sippeschefte« nicht mit dem (heute wohl eher negativ konnotierten) »Sippschaft« übersetzen möchte, versuche ich den Bedeutungsbereich mit »Verwandtschaft und Abstammung« zu bezeichnen. Auch bei »trût« entscheide ich mich für eine Übersetzung mit zwei Begriffen.]

Donnerstag, 2. Juli 2015

3191-3200

über al des hoves rinc.
›seht‹, sprâchen si, ›der jungelinc
der wirt ein wunder z'einem man‹.
hier under sach in allez an
sîn vater, künic Prîamus.
daz in diu vrouwe Vênus
sô vil gerüemet hæte,
dâ von was im der stæte
mit herzeclichen triuwen holt.
gereinet als ein lûter golt

überall im Kreis des Hofes.
›Seht‹, sagten sie, ›der Jüngling,
der wird ein Wunder von einem Mann‹.
Dabei betrachte ihn sein Vater,
König Priamus, aufmerksam.
Weil ihn die Dame Venus
so sehr gerühmt hatte,
deshalb war ihm der Standhafte
mit von Herzen kommender Treue zugetan.
Gesäubert wie ein geläutertes Gold

Mittwoch, 1. Juli 2015

3181-3190

muoz den hort besitzen
von rîchtuom und von witzen.‹
Mit disen worten und alsô
wart Pallas unde Jûnô
gestillet und gesweiget.
genidert und geneiget
was ir hôchgemüete gar.
Pârîs wart von der göte schar
geprîset und gehêret.
sîn lop daz wart gemêret

einen Schatz besitzen wird an
Reichtum und Weisheit.‹
Mit diesen Worten und auf diese Weise
wurden Pallas und Juno
ruhiggestellt und zum Schweigen gebracht.
Ganz geschmälert und gegknickt
war ihr Hochgefühl.
Paris wurde von der Götterschar
gepriesen und gerühmt.
Seine Anerkennung wurde erhöht