Freitag, 11. August 2017

7541-7550

mit antlitz und mit cleide
vil glanzer ougenweide.
Ir bilde lûter unde guot,
daz gap in allen hôhen muot
und jâmers vil dar under;
wan swer daz lebende wunder
ir clârheit und ir minne
bedâhte in sînem sinne,
der wart nâch vröuden ungemeit,
sîn herze wart an si geleit

durch ihr Gesicht und ihr Kleid
eine überaus strahlende Augenfreude.
Ihre vornehme und makellose Gestalt 
schenkte ihnen allen ein Hochgefühl
und zugleich viel schmerzliches Verlangen,
denn jeder, der für sich über das lebende Wunder – 
über ihre Reinheit und ihren Liebreiz –
nachdachte,
der wurde nach der Freude traurig.
Sein Herz wurde mit ihr verbunden

Donnerstag, 10. August 2017

7531-7540

alrêrst an einem morgen vruo,
seht, alsô gie diu frouwe zuo
mit einer vrischen varwe.
si was erwünschet garwe
an lîbe und an gebâre.
Mêdêâ diu vil clâre
lancseime kam geslichen în,
gestreichet als ein velkelîn,
dem sîn gevider ebene lît.
si bar den gesten bî der zît

aus der Knospe schlüpft,
schaut, genau so kam die Dame daher,
mit einer frischen Farbe. 
Sie war, was Körper und Benehmen anbelangt, 
vollkommen perfekt.
Medea, die so hell leuchtende,
schritt langsam herein,
herausgeputzt wie bei einem jungen Falke,
dessen glattgestrichenes Gefieder gleichmäßig anliegt.  
Vor die Augen der Gäste brachte sie damals

[Nochmal jemanden fragen, der sich mit Falknerei besser auskennt…]

Mittwoch, 9. August 2017

7521-7530

gie si dâ stille swîgende
und mit dem houpte nîgende
den gesten algemeine.
liutsælic unde reine
was ir lûter angesiht.
mit worten ich ir sælde niht
durchgründe, noch durglôse.
reht als ein vrischiu rôse,
diu naz von touwe triufet
und ûz der bollen sliufet

ging sie stillschweigend dorthin,
und neigte den Kopf 
vor all den Gästen. 
Rein und makellos
waren ihre klaren Gesichtszüge und ihre Erscheinung. 
Mit Worten kann ich das Heil, das ihr gegeben war,
weder ganz ergründen noch restlos kommentieren.
Ganz so wie eine frische Rose,
die benetzt ist, feucht von Tau, 
und erstmal an einem frühen Morgen

[Da ich mir nicht sicher bin, ob »angesiht« hier lediglich das »Gesicht« meint, übersetze ich mit einer Doppelformel. Bei »sælde« füge ich ein wenig explikative Erläuterung hinzu. Statt »glossieren« schreibe ich (weil es heute geläufiger ist) kommentieren.]

Dienstag, 8. August 2017

7511-7520

und hete drüber ûf geleit
ein schapel eines vingers breit.
daz lûhte z'allen zîten
sô glanz von margarîten,
daz man ze naht gesach derbî.
vor aller missewende vrî
was diu maget wol gesite.
mit einem lîsen engen schrite
kam si dort her geslichen.
schôn unde zühteclichen

und sie hatte darauf einen Reif
gesetzt, der so breit war wie ein Finger. 
Der Reif leuchtete ununterbrochen
so wie Perlen glänzen,
weshalb man damit nachts sehen konnte.   
Die untadelig Jungfrau
war frei von allem Makel.
Leise und gemessenen Schrittes 
schwebte sie daher.
Schön und wohlerzogen    

Montag, 7. August 2017

7501-7510

dur cleiniu löcher glizzen.
got hete sich geflizzen
ûf ir glanzen forme schîn.
ir stuont daz selbe hüetelîn
ze lobelichem wunder
und was ir neckel drunder
sleht unde wîz alsam ein snê.
von vîol und ûz grüenem clê
truoc diu werde künigîn
ein niuwebrochen krenzelîn

durch kleine Löcher funkelten. 
Gott hatte all seine Sorgfalt aufgewendet
auf das Strahlen ihrer glänzenden Gestalt.
Eben dieses Hütchen brachte ihr
lobendes Staunen ein
und darunter war ihr Hälslein
glatt und weiß wie der Schnee.
Einen frisch gebrochenen Kranz 
aus Veilchen und aus grünem Klee
trug die vortreffliche Königin

Freitag, 4. August 2017

7491-7500

diu beide rîch was unde clâr.
ir zopf und ir goltvarwez hâr
daz hetes' an den stunden
gevazzet und gebunden
in ein gestricket hüetelîn,
daz was von sîden alsô vîn,
daz man sô wæhes nie gewan.
daz hâr ûz im schein unde bran
in liehter varwe stæte,
als ob dâ goldes dræte

die sowohl mächtig als auch schön sind. 
Ihren Zopf und ihr goldfarbenes Haar,
die hatte sie an diesem Tag
in ein gestricktes Hütchen
geschlungen und gebunden.
Das Hütchen war aus so feiner Seide, 
dass man kein derart kostbares jemals hätte beschaffen können.
Das Haar leuchtete und loderte aus sich heraus,
in beständiger, glänzender Farbe,
so wie wenn dort Goldfäden   

Donnerstag, 3. August 2017

7481-7490

Jensît dem mer was er geweben.
er schein mit lîsten und mit reben
gezieret wol zen orten
und mit gesteinten borten
an den gelenken umbenât.
der truoc der küniclichen wât
an ir mantel unde roc.
von zobel was ir underzoc,
daz bezzer nie kein vülle wart.
si kam nâch einer frouwen art,

Jenseits des Meers war er gewoben worden.
Er leuchtete, über und über schön geschmückt,
mit Borten und mit Ranken
und mit edelsteinverzierten Bändern,
die oberhalb der Hüfte aufgenäht waren.  
Davon trug sie, von dieser königlichen Kleidung,
am Mantel und am Rock.
Aus Zobel war ihr Unterfutter
und kein Futter war je besser.
Sie kam, so wie es Damen entspricht,

[Zwar halte ich meine Übersetzung für recht plausibel, aber ich bin kein Experte für höfische Kleidung des 13. Jahrhunderts…]

Mittwoch, 2. August 2017

7471-7480

nâch wunsche drîn gesprenget.
sus hete sich gemenget
zuo blâwer sîden rôtez golt.
mit listen was ez drîn geholt
und hete z'ir gesellet sich.
nie purper alsô kostbærlich
wart keines menschen bilde kunt.
ir einer wære siben stunt
mit golde widerwegen sâ,
der veile in funden hæte dâ.

auf perfekte Weise hineingestreut.
Derart wurde 
rotes Gold in blaue Seide gemischt.
Kunstvoll war es hineingebracht worden
und hatte sich zu ihr gesellt.
Nie wurde ein so kostbarer Seidenstoff
zum Gegenstand menschlicher Blicke.
Allein einer davon wäre sofort sieben Mal
mit Gold aufgewogen worden,
hätte man ihn dort jemandem zum Verkauf angeboten.  

Dienstag, 1. August 2017

7461-7470

mit lîbe und mit gewande schreit.
si truoc an ir daz beste cleit,
daz ie von hende wart genât.
in einen blâwen plîât
diu schœne was gesloufet,
dâ wâren în getroufet
von golde tropfen cleine,
die glizzen alze reine
ûz dem rîlichen tuoche blâ.
si stuonden hie, dort unde dâ

und gut ausgestatteter Kleidung, würdevoll gegangen kam.  
Sie hatte das beste Kleid an,
das je mit Händen genäht worden war.
Die Schöne war in einen
blauen Seidenstoff gehüllt,
worin kleine Goldtropfen
hineingeträufelt worden waren,
die außerordentlich klar
aus dem prächtigen blauen Tuch glitzerten.   
Man hatte sie hier und da, hinauf, hinab 

Montag, 31. Juli 2017

7451-7460

der siben houbetliste,
wan si daz allez wiste,
daz ieman kunnen solte.
ir vater si dâ wolte
die geste lân beschouwen;
des hiez er die juncfrouwen
besenden, als ir hânt vernomen.
si was ze hove schiere komen
ûz einer kemenâten,
von der si wol berâten

der Sieben Freien Künste,
weil sie all das wusste,
was man verstanden haben sollte.
Ihr Vater wollte sie dort
die Gäste in Augenschein nehmen lassen.
Deshalb befahl er, wie ihr schon gehört habt, 
nach der jungen Dame zu schicken.
Schnell war sie an den Hof gekommen,
aus einem Kaminzimmer,
von dem her sie, mit schön gepflegtem Äußeren

Freitag, 28. Juli 2017

7441-7450

wol machen eine vinster naht.
an ir lac hôher witze maht
von der nîgromancîe.
mit starker zouberîe
geschuof si grôz unbilde.
ir kunst vremd unde wilde
mit rede ich niht erkirne.
si zalte daz gestirne
und erkande sîne vart.
si was ein meisterîn von art

finstere Nacht werden zu lassen. 
Sie verfügte über die Macht großen Wissens
in Form der Schwarzen Kunst.
Durch starke Zauberei
bewerkstelligte sie ganz Unerhörtes.
Ihr fremdartiges und unheimliches Können
kann ich mit Worten nicht restlos ergründen.
Sie betrachtete die Sterne
und verstand ihre Bewegung. 
Sie war von Natur aus eine Meisterin,

Donnerstag, 27. Juli 2017

7431-7440

gebôt der helle geisten,
daz s'alle müesten leisten
ir willen ûf ein ende.
si was vil gar behende
mit zouber und mit lôze.
si mahte ûz kleinem flôze
wol einen ungefüegen sê.
noch tet si vremder sache mê,
denne ich iemer iu gesage.
si kunde ûz einem clâren tage

die Geister der Hölle befehligte,
die alle ihrem Willen ganz und gar
gehorchen mussten. 
Sie war überaus geschickt im 
Umgang mit Zauber und Weissagungen.
Sie konnte leicht aus einer Pfütze
ein stürmisches Meer machen.
Außerdem tat sie weitere, fremdartige
Sachen, die ich euch nicht erzählen werde. 
Sie war leicht dazu in der Lage, aus dem helligten Tag

[Ich vermute, dass 7439 als Negation zu übersetzen ist.]

Mittwoch, 19. Juli 2017

7421-7430

beschouwen keiserlicher fruht.
mit êren und mit reiner zuht
geblüemet was ir werdiu jugent.
an ir lac witze und edel tugent
nâch volleclichem prîse.
der swarzen buoche wîse
diu rîlîche maget was.
swaz man beswerung ie gelas,
der kunde si den überhort,
sô daz ir meisterschefte wort

ein kaiserlicheres Kind zu sehen bekommen. 
Ihre herrliche Jugend war 
mit Ansehen und einer vollendeten Erziehung geschmückt. 
Sie verfügte in hohem Maße 
über Wissen und vornehme Fertigkeiten.
Die unvergleichliche Jungfrau 
hatte die schwarzen Bücher studiert.
Von allen Beschwörungen, die man je gelesen hat,
kannte sie mehr als genug,
so dass ihr machtvolles Wort  

Dienstag, 18. Juli 2017

7411-7420

gefüeret âne zwîvel her.‹
›genâde, herre mîn,‹ sprach er,
›ir redent wider mich sô wol,
daz ich iu dienen iemer sol
mit lîbe und mit dem guote.‹
sus hiez der wol gemuote
künic einen boten gân
nâch sîner tohter wol getân,
diu was genant Mêdêâ.
man dorfte niender anderswâ

unzweifelhaft geführt werden.‹
›Habt Dank, mein Herr‹, sagte er,
›ihr sprecht so wohlwollend zu mir,
dass ich euch werde ewig zu Diensten sein müssen,
ich selbst und auch mein Hab und Gut.‹
Dann befahl der fröhlich gestimmte 
König, einen Boten nach 
seiner schönen Tochter zu schicken,
die Medea hieß. 
Nirgendwo konnte man 

Montag, 17. Juli 2017

7401-7410

het ich seltsænes crâmes iht,
daz ich des vor iu bürge niht,
wan mir nie gast sô lieber wart.
ich hân vor mangem man gespart
ein rîch cleinœte mîniu jâr,
daz sol iu werden offenbâr
und muoz für iuwer ougen komen.
mîn tohter schœne und ûz genomen,
der man rîlicher sælde giht,
diu wirt für iuwer angesiht

wenn ich aufsehenerregende Besitztümer besäße,
würde ich die vor euch nicht verstecken,
weil ich mich noch nie über einen Gast so gefreut habe. 
Mein Leben lang habe ich vor vielen Männern 
eine prächtige Kostbarkeit aufgespart, 
die euch offenbart werden soll
und die vor eure Augen wird treten müssen:
Meine schöne, auserwählte Tochter, 
der man kostbares Heil zuerkennt,
die wird hierher, vor eure Blicke, 

Donnerstag, 13. Juli 2017

7391-7400

die göte hânt an iu gewert,
daz iuwer muot des hât gegert,
daz ir sint komen in mîn lant.
ze fröuden ist mîn sin gewant
und ûf wunneclich gemach,
wan ich dekeinen man gesach
sô gerne in mînem hûse nie.
möht ich iu zuht gebieten hie,
daz tet ich ûf die triuwe mîn.
ir sult gewis der dinge sîn,

durch euch so hohes Ansehen zuteil werden ließen,
weil ihr in mein Land
habt kommen wollen. 
Nach Freude steht mir der Sinn
und nach angenehmer Behaglichkeit,
weil ich noch nie einen Mann 
so gern in meinem Haus sah. 
Wenn ich euch hier Höflichkeit erweisen kann,
dann will ich das wahrlich tun.
Ihr könnt euch sicher sein:

Mittwoch, 12. Juli 2017

7381-7390

waz wirtschaft in dâ wart geboten.
wiltbræt, gebrâten und gesoten,
gap in der künic von hôher art.
nû daz der tisch erhaben wart
und wazzer dâ gegeben was,
dô sprach der wirt Oêtas
Jâsône minneclîche zuo:
›mîn heil, daz wil spât unde vruo
sich breiten unde mêren,
sît mich sus hôher êren

mit der ihnen aufgewartet wurde. 
Mit Wildbret, gebraten und gekocht,
versorgte sie der König aus hohem Geschlecht.
Als dann das Essen beendet war
und man das Wasser reichte,
da sagte der Oetas, der Gastgeber,
liebevoll zu Jason:
›Mein Glück, das wird sich tagein, tagaus
ausbreiten und vermehren,
da und seitdem mir die Götter

Dienstag, 11. Juli 2017

7371-7380

seht, dô begund er mêren
nâch volleclîchen êren
sîn lop und sîne werdikeit.
er was ûf allez dinc bereit,
daz im ze sælden und ze fromen
in sînem rîche wolte komen.
Der wirt nâch sînem prîse ranc.
rîlîchiu spîse und edel tranc
wart den gesten vür getragen.
ichn mac ez halbez niht gesagen,

schaut, da fing er an,
seinen Ruhm und seine Würde zu mehren –
um zu einem mustergültigen Ansehen beizutragen.
Er war zu jeder Sache gerne bereit,
die ihm in seinem Reich 
zu Glück und Vorteil gereichen könnte.
Der Gastgeber mühte sich ab für seinen Ruhm. 
Herrliche Speisen und edle Getränke
wurden den Gästen serviert.
Ich kann noch nicht einmal zur Hälfte die Bewirtung erzählen,

7361-7370

dekeiner werden geste baz.
geloubent endelîche daz,
er schuof in rîchen vollen.
Jâsônes nam erschollen
was in dem künicrîche,
des buten ime gelîche
man unde wîp dâ werde zuht.
er sneit dâ rîcher êren fruht,
wan dô der künic von im vernam,
dur waz er dar ze lande kam,

wird besser kümmern können. 
Außerdem könnt ihr glauben, dass
er ihnen alles in Hülle und Fülle anrichtete.
Jasons Name war
in dem Königreich bereits erklungen,
darum erzeigten ihm sowohl
Frauen als auch Männer ehrenvolle Höflichkeit.
Er fuhr dann die Ernte mächtigen Ruhms ein
denn als der König von ihm gehört hatte,
weshalb er dorthin in das Reich gekommen sei,  

Freitag, 7. Juli 2017

7351-7360

des liebe geste sint gewon.
swaz ê der künic Lâmedon
missetæte an in begie,
des wart ir lîp ergetzet hie
mit süezer handelunge.
diu stolze samenunge
ze ganzer wirde komen was.
des landes herre Oêtas,
der pflac ir schône und alsô wol,
daz man gepflegen niemer sol

wie ihn willkommene Gäste erwarten.
Für all das Unrecht,
das ihnen König Lamedon zufügte,
wurden sie hier entschädigt,
indem sie auf reizende Weise umsorgt wurden. 
Die stolze Schar hatte es
zu vollkomener Würde gebracht.
Der Herr des Landes, Oetas,
der kümmerte sich bestens um sie, so gut,
dass man sich niemals um einen edlen Gast