Donnerstag, 19. April 2018

8991-9000

als er nû kæme gênde
und iuch hie fünde stênde
sus spâte und alterseine,
er wânde, vrouwe reine,
iu wære z'im sô nôt, daz ir
vor inneclicher liebe gir
möhtent keine ruowe hân:
dâ von geruochent nidergân
ûf iuwer bette linde,
daz er iuch hie niht vinde

Wenn er nun herbei käme,
und euch hier anträfe, wie ihr so herumsteht,
so spät und ganz allein,
er würde denken, ehrenwerte Herrin, 
dass ihr euch derart nach ihm sehnt, dass ihr
vor lauter tief gefühltem, freudigem Begehren
nicht zur Ruhe kommen könnt.
Wollt ihr euch deshalb nicht lieber hinlegen
auf euer weiches Bett,
damit er euch nicht so antrifft, 

Mittwoch, 18. April 2018

8981-8990

›vrouw, ich tuon, des ir hânt gegert.
den ritter edel unde wert
füer ich her în vil drâte;
doch volgent mînem râte
und legent nider iuch zehant
an iuwer bette rîch erkant,
daz er iuch niht sus vinde hie!
er möhte denken, daz ir nie
gewünnent ganzer stætekeit,
ob ir niht hætent iuch geleit.

›Herrin, ich werde tun, wonach ihr verlangt. 
Ich bringe den edlen, angesehenen Ritter,
schleunigst hierher;
tut ihr aber, wozu ich euch rate 
und legt euch sogleich hin
in euer prächtiges Bett,
damit er euch nicht so wie jetzt vorfindet!
Er könnte denken, dass es euch
an tadelloser Selbstbeherrschung fehlt,
weil euch nicht hingelegt habt. 

8971-8980

an herzen und an lîbe.
wird ich im niht ze wîbe
und er mir z'eime manne,
wie sol ich armiu danne
genesen und gewerben?
ich muoz bî namen sterben,
tuot mich sîn minneclicher trôst
von sender swære niht erlôst.‹
Der rede antwürte gap ir dô
diu meisterîn und sprach alsô:

an meinem Körper und auch an meinem Herzen.
Wenn ich nicht zu seiner Frau werde
und er nicht zu meinem Mann,
wie soll ich dann in meinem Elend
am Leben bleiben und weiter mein Leben führen?  
Wahrlich, ich werde sterben,
falls er mich nicht liebevoll tröstend 
von sehnsuchtsvoller Betrübnis erlöst.‹
Auf diese Rede antwortete
die Erzieherin dann folgendermaßen:

Montag, 16. April 2018

8961-8970

sô ganc vil tougenlîche z'im.
den gast dû bî der hende nim
lîs unde füere in her zuo mir,
wan ich hân mînes herzen gir
mit ganzer stæte ûf in gewant.
dâ von sô brinc in alzehant,
sô man beginne slâfen.
mich hât der minne wâfen
durch in versêret an den grunt.
ich bin von im ze tôde wunt

gehst du heimlich, still und leise zu ihm. 
Nimm den Gast vorsichtig bei der Hand
und führ ihn her zu mir,
denn ich hab mein tief empfundenes Begehren
ganz fest auf ihn gerichtet.
Bring ihn deshalb gleich dann,
wenn man sich schlafen legt.
Mich haben die Waffen der Liebe
seinetwegen gravierend verwundet.
Lebensgefährlich bin ich seinetwegen verletzt,

Freitag, 13. April 2018

8951-8960

well iemer alle mîne tage,
sô merke reht, waz ich dir sage,
unde tuo, des ich dich bite.
sihstû den ritter wol gesite,
den ich dir gezeiget hân,
sô der nû slâfen welle gân
und er sich nider legen sol,
sô merke dû sîn bette wol
mit der angesihte dîn.
und sô die liute entslâfen sîn,

mein ganzes Leben lang,
musst du genau aufpassen, was ich dir sage,
und tun, worum ich dich bitte.
Siehst Du den tugendhaften Ritter,
den ich dir gezeigt habe?
Wenn der nun zu Bett geht
und sich schlafen legt,
dann merke dir genau, 
und mit eigenen Augen, wo sich sein Bett befindet.
Und sobald die Leute eingeschlafen sind, 

Donnerstag, 12. April 2018

8941-8950

daz sich die geste leiten
und daz man in bereiten
begunde ir bette wunneclich;
des vröute dô vil harte sich
diu werde küniginne.
si rief ir meisterinne,
der al ir tougenheit was kunt,
und zeigte ir an der selben stunt
den werden gast Jâsônen.
si sprach: ›daz ich dir's lônen

dass die Gäste sich schlafen legten
und dass man ihnen ihre
angenehmen Betten zurecht machte. 
Darüber freute sich die
angesehene Königin riesig.
Sie rief ihre Erzieherin,
die alle ihre Geheimnisse wusste,
und zeigte ihr dann Jason,
den angesehenen Gast.
Sie sagte: ›Damit ich dich dafür stets belohne,  

Mittwoch, 11. April 2018

8931-8940

dur daz man sich niht leite noch.
si gienc von einer wende loch
von dem vensterlîne dan,
dur daz si luogen dô began,
ob ieman slâfes wolte pflegen.
nû was der hoveschal gelegen
und diu kurzewîle dô.
der künic, vrîlich unde frô,
gienc unde sleich an sîn gemach.
diu schœne, diu kôs unde sach,

weil sie noch immer allein war.
Sie ging weg vom Fenster,
zu dem Loch in der Wand,
durch das sie nachgesehen hatte,
ob man vorhätte, sich schlafen zu legen. 
Jetzt schließlich legte sich das festliche Getöse
und auch das Vergnügen. 
Der unbekümmerte und zufriedene König
ging leise in sein Zimmer.
Die Schöne merkte und sah, 

[Macht 8932f. Sinn? Sie steht ja gerade am Fenster und geht jetzt wohl zurück zu dem »Loch« in der Wand, durch das sie zuvor die Festgesellschaft beobachtet hatte…]