Freitag, 17. November 2017

8051-8060

an fremder stat verslihten
und ûf daz dinc verrihten,
dar nâch si werben danne.
ez gît dem vremden manne
trôst unde rât, daz man im sich
mit worten machet heimelich.‹
›Vrouwe, ir habent wâr geseit,‹
sprach der ritter ungemeit,
›ez kan ellendem gaste
sîn trûren ringen vaste,

mit einem fremden Ort anfreunden
und auf die Sache vorbereiten,
um die sie sich danach bemühen. 
Dem fremden Mann ist es 
Trost und Rat, dass man ihn
sich mit Worten vertraut und heimisch macht.‹
›Herrin, es stimmt, was ihr sagt‹,
antwortete der traurige Ritter,
›dem landfremden Gast kann
seine Trauer deutlich gemindert werden, 

Donnerstag, 16. November 2017

8041-8050

vür ein dörperîe daz,
ob ich mit iu red etewaz,
dâ von iu kurz diu stunde wirt.
friuntlichez kôsen fröude birt,
swâ man beginnet trûric sein:
des lânt iuch niht der worte mîn
bedriezen und betrâgen.
man sol die geste frâgen
und mit in reden etewaz,
sô kunnent si sich deste baz

für bäurisch,
wenn ich irgendwas mit euch rede,
womit euch die Stunde kürzer wird.
Freundliches Plaudern bringt Freude hervor,
wo auch immer man anfängt, traurig zu sein.
Lasst euch deshalb meine Worte nicht
lästig werden und verdrießen. 
Man muss den Gästen Fragen stellen
und mit ihnen irgendetwas reden;
sie können sich dann umso besser

Mittwoch, 15. November 2017

8031-8040

daz si mit im ze rede kam
vil kûme, wan si twanc diu scham
und ir senelîchiu nôt,
daz si bleich wart unde rôt,
ê si gespræche ein wörtelîn.
diu junge süeze künigîn
sich kêrte zuo dem gaste hin.
blûclîche sprach si wider in:
›trût herre, tugentrîcher helt,
lânt mir niht werden hie gezelt

wie sie mit ihm eine Unterhaltung anfangen sollte,
nur sehr bedingt, denn sie wurde aus Scham
und durch ihr sehnsuchtsvolles Elend
bleich und rot,
noch ehe sie auch nur ein Wörtchen gesagt hatte.
Die junge, entzückende Königin
wandte sich dem Gast zu.
Schüchtern sagte sie zu ihm:
›Lieber Herr, gewaltiger Kämpfer,
haltet das jetzt nicht 

Dienstag, 14. November 2017

8021-8030

und wart der lieben rede geil.
si dûhte ein wunneclichez heil
und ein sældenrîchez leben,
daz ir daz urloup wart gegeben,
daz si mit im solte
dô reden, swaz si wolte.
Si gienc dar bî den zîten
und saz im an die sîten,
daz er mit senftem muote leit.
si lêrte daz ir blûcheit,

und war über die Worte gelücklich.
Das schien ihr ein angenehmer, glücklicher Zufall zu sein
und ein von göttlichem Heil erfülltes Leben,
dass ihr die herrscherliche Erlaubnis gegeben worden war,
mit ihm da über all das zu reden,
worüber sie reden wollte. 
Sie ging gleich dorthin
und setzte sich neben ihn,
was er gutwillig ertrug. 
Durch ihre Schüchternheit wusste sie,

Montag, 13. November 2017

8011-8020

und sprach der minneclichen zuo:
›ich sage dir, tohter, waz du tuo.
ganc zuo Jâsône sitzen!
waz ob von dînen witzen
und von der hôhen künste dîn
wirt sîme herzen fröude schîn,
daz ein teil beswæret ist.
lâ schouwen, ob dû keinen list
erdenkest, der in mache vrô!‹
›vil gerne, vater,‹ sprach si dô

und sagte zu der Liebenswerten:
›Ich sage dir, Tochter, was du jetzt machst.
Geh, setz’ dich zu Jason!
Vielleicht gelingt es deiner Klugheit
und deinen großen Künsten,
mit Freude sein Herz zu erhellen,
das einige Lasten trägt.
Lass sehen, ob dir nicht ein
Trick einfällt, der ihn aufheitert!‹
›Sehr gern, Vater‹, antwortete sie,

Freitag, 10. November 2017

8001-8010

gezieret wol nâch sîner gir,
dô stuont er ûf engegen ir
und umbevienc si bî der stunt.
er kuste ir ougen unde munt
vil dicke dâ ze lône.
daz tet vil wê Jâsône,
wan ez im an sîn herze gie,
daz er niht selbe küssen hie
getorste die vil reine fruht.
der künic, der tet sîne zuht

geschmückt, so wie er es gern hatte,
da stand er auf, ging zu ihr
und umarmte sie.
Er küsste ihr zum Dank immer wieder
die Augen und den Mund.
Das schmerzte Jason sehr,
weil es ihn in sein Herz traf,
dass er dort die überaus makellose Frucht
nicht selbst zu küssen wagte.
Der König, der handelte manierlich und anständig

Donnerstag, 9. November 2017

7991-8000

würde an rehter liebe dô.
nû kam ez eines tages sô,
daz sich der wirt ûf sîme sal
durch wunnebæren hoveschal
zuo den gesten nider liez
und aber sîne tohter hiez
vür sich besenden alzehant.
si wart vil schiere dar besant
ûf den rîlichen palas.
und dô si vür in komen was

ihre Hoffnung auf wahrhafte Freude.
Nun begab es sich eines Tages,
dass sich der Gastherr in seinem Saal
für unbeschwerte Hofplaudereien 
zu den Gästen setzte
und erneut befahl,
sogleich seine Tochter herbeizuholen.
Sie wurde eiligst dorthin,
in den prächtigen Palastbau gebracht.
Und als sie vor ihn getreten war,