Montag, 23. Juli 2018

9541-9550

und nam herfür die salben,
dâ mite er allenthalben
dâ sîne blanken hût bestreich.
sîn lîp liutsælic unde weich
wart von ir fiuhtic unde naz.
heimlîche er an dem stade saz,
biz er vollante disiu dinc.
dar nâch sô warf der jungelinc
an sich die glanzen ringe sîn,
die wâren lûter stehelîn

und zog die Salbe hervor,
mit der er überall
seine nackte Haut bestrich. 
Sein ansehnlicher und weicher Körper 
wurde durch sie feucht und nass.
Ganz für sich saß er am Strand,
bis er mit dieser Prozedur fertig war.
Anschließend dann warf sich der Jüngling
seine glänzenden Ringe über,
die aus blankem Stahl waren, 

Freitag, 20. Juli 2018

9531-9540

den ir der zwîvel worhte.
gar michel was ir vorhte,
daz Jâson der stæte
diz dinc niht allez tæte,
daz im von ir geboten wart.
der fürste rîch von hôher art
nû daz er hin ze lande kam
und sîn gelende dâ genam
ze Kolchos in des werdes habe,
dô zôch er sîniu cleider abe

die ihr die Verzweiflung schuf. 
Überaus groß war ihre Furcht,
dass der getreue Jason
nicht all die Sachen tun würde,
die sie ihm aufgetragen hatte.
Als nun der mächtige, hochgeborene Fürst 
dort angekommen war
und dort in Kolchos,
im Hafen der aufgeschwemmten Insel angelandet war,

da zog er seine Kleider aus

Donnerstag, 19. Juli 2018

9521-9530

zerbrechent hiute und übergânt,
sô wizzent, herre, daz ir hânt
den lîp verloren und daz leben.
ich wil den göten iuch ergeben,
si sendent iuch gesunt her wider,
wan ich gelæge tôt dernider,
würd iuwer leben hôchgeborn
und iuwer clâriu jugent verlorn.‹
die rede treip diu künigîn.
si leit vil angestbæren pîn,

handelt und sie ignoriert,
dann seid gewiss, Herr, dass ihr
Leib und Leben verlieren werdet. 
Ich werde euch den Göttern übergeben,
damit sie euch gesund zurückbringen,
denn ich müsste tot zu Boden sinken,
wenn euer hochgebornes Leben 
und eure strahlende Jugend zugrunde ginge.‹
Diese Rede hielt die Königin.
Sie litt sorgenvolle Qualen,

Mittwoch, 18. Juli 2018

9511-9520

und wirde ûz leide niht erlôst,
ê daz der wunneclîche trôst
zuo mir beginnet fliezen,
daz ich mac umbesliezen
mit armen iuch, vil sælic man.
ich weiz wol, daz iu niht enkan
gewerren, hôchgemuoter degen,
welt ir iht mînes râtes pflegen
und in vollenden âne spot.
ist aber, daz ir mîn gebot

und werde vom Leid nicht erlöst sein,
bevor nicht die liebenswerte Linderung
anfängt, zu mir zu fließen,
euch, seligster Mann,
mit meinen Armen zu umschließen.
Ich weiß genau, dass euch nichts aufhalten kann,
stolzer Kämpfer,
wenn ihr meinen Rat befolgt
und euch ganz an ihn haltet, ohne Dummheiten anzustellen.
Wenn ihr aber gegen meine Anweisungen 

Dienstag, 17. Juli 2018

9501-9510

daz iu ze nutze solte komen.
hânt ir niht mînen rât vernomen
durchnehteclîche und ebene,
sô wellent ir vergebene
swenden leben unde lîp.
owê mir vil armez wîp,
wie sol ez hiute umb iuch gevarn!
die göte müezen iuch bewarn
und ruochen iuwer gnâde haben.
in sorgen muoz ich sîn begraben

was als Hilfe für euch gedacht war.  
Wenn ihr meinen Rat nicht
vollständig und genau mitbekommen habt,
dann seid ihr dabei, 
Leib und Leben umsonst zu vergeuden, 
Oh weh! ich ärmste Frau,
wie wird es euch heute ergehen!?
Die Götter mögen euch schützen
und mögen euch ihre Gnade erzeigen.
Ich werde von Sorgen begraben sein

Montag, 16. Juli 2018

9491-9500

waz hânt ir sorgen mir gegeben!
umb iuwer hôchgebornez leben
bin ich von jâmer ungemeit.
ir hânt in angest mich geleit
und in zwîvel sêre.
ich fürhte, daz mîn lêre
versûmet werden müeze,
sô daz ir, herre süeze,
vergezzent drunder etewes
und ir niht rehte merkent des,

wie viele Sorgen habt ihr mir auferlegt!
Wegen eures noblen Lebens
befinde ich mich in einem Zustand jammernder Trauer.
Ihr habt mich in Angst versetzt
und in große Ungewissheit.
Ich befürchte, dass meine Ratschläge
unbeachtet bleiben werden,
indem ihr, süßer Herr,
zwischenzeitlich etwas vergesst
und ihr euch das nicht genau gemerkt habt,

Freitag, 13. Juli 2018

9481-9490

des wart im tiure dâ gebeten.
ûf einen hôhen turn getreten
was Mêdêâ bî der zît.
hin ûf den sê tief unde wît
blicte si dem helde nâch.
ir was in ungemüete gâch
und ûf clagens ungemach.
diu schœne tougenlîche sprach:
›friunt, herre, vil getriuwer,
ach, got, wie fürhte ich iuwer,

darum wurde für ihn dort inständig gebeten.
Zu dieser Zeit war Medea
auf einen hohen Turm gestiegen.
Über das tiefe, weite Meer
sah sie dem Helden nach.
Schnell fanden sich bei ihr Kummer ein
und die Unruhe, die mit Jammer und Klagen einhergeht. 
Die Schöne sagte heimlich:
›Freund und Herr, der du so treu bist,
ach Gott! wie viel Angst habe ich doch um euch,