Freitag, 23. Februar 2018

8631-8640

daz ich durch einen vremden man,
des ich nie künde mê gewan,
erzürnen mînen vater muoz.
sol ich verliesen sînen gruoz
und brechen sîn vil hôch gebôt,
daz mac wol sîn der liute spot
und ist ein angestlichez dinc.
waz gât mich an der jungelinc,
daz ich in vor dem tôde ner
und ich den vater mîn verher

dass ich nämlich durch einen fremden Mann,
von dem ich nicht viel weiß,
gezwungen bin, meinen Vater in Zorn zu versetzen.
Muss es so kommen, dass er mich nicht mehr grüßt
und ich seiner so sehr Achtung gebietenden Autorität zuwiderhandle?
Das wird gewiss die Verachtung der Leute heraufbeschwören
und es ist eine fürchterliche Sache.
Was geht mich der Jüngling an,
dass ich ihn vor dem Tod bewahre 
und ich meinem Vater die Wolle entreiße,  

Donnerstag, 22. Februar 2018

8621-8630

dar nâch mit reines herzen ger,
daz ich Jâsônes minne enber
und ist daz allez üppeclich;
wan ich enkan niht leider mich
von im gebrechen mîniu jâr.
der criec enhilfet niht ein hâr,
dâ mite ich hînaht ringe.
mich dunket, swaz mich twinge,
daz sî diu minne und anders niht.
ez ist ein wunderlich geschiht,

mit dem Willen eines reinen Herzens dafür,
Jasons Liebe los zu sein –
und das ist alles ganz überflüssig,
dann ich werde mich, leider, so lange ich lebe,
nicht von ihm trennen können.  
Der Kampf, den ich heute Nacht ausfechte,
der hilft kein bisschen.
Mir scheint, dass das, was mich bezwingt,
die Liebe ist – und nichts anderes.
Seltsam ist, was hier geschieht,

Mittwoch, 21. Februar 2018

8611-8620

ie balder und ie harter.
si leite strenge marter
sich selben an mit strîte.
und dô si bî der zîte
ir willen und ir zuoversiht
von im gescheiden mohte niht,
dô sprach si wider sich zehant:
›mit strîte hân ich an gerant
vergebene mîn gemüete.
jô vihte ich unde wüete

immer mutiger und immer stärker.
Sie unterzog sich selbst durch diesen Kampf
einem harten Martyrium.
Und nachdem sie dann
ihren Willen und ihre Hoffnung
nicht von ihm losmachen konnte,
da sagte sie sich zugleich:
›Kampfwillig – und vergebens – 
habe ich meine Gefühle angerannt .
Ja, ich streite und kämpfe

Dienstag, 20. Februar 2018

8601-8610

der ûz des herzen grunde vert.
si hete gerne sich erwert
des mannes und der minne.
si streit ir kiusche sinne
vil sêre mit gedenken an
und wolte brechen von dem man
mit herzen und mit lîbe sich.
und sô diu maget wunneclich
ie vaster von im kêrte,
sô minne ir herze sêrte

die vom Grund des Herzens kamen.
Gern hätte sie sich gegen
den Mann und die Liebe verteidigt. 
Diese griff ihre keusche Haltung und Gesinnung
heftig mit Gedanken an;
und sie wollte sich mit Herz und Leib
von dem Mann losreißen.
Und während sich das liebreizende Mädchen
auf diese Weise immer weiter von ihm abwandte,
verwundete die Liebe ihr Herz

[Bei 8604-8607 bin ich mir unsicher, ob ich das richtig verstehe. Ich habe auf jeden Fall in der Übersetzung etwas verdeutlichend eingegriffen…]

Montag, 19. Februar 2018

8591-8600

gefüeret und geleitet.
mîn friunt, des ich gebeitet
mit sorgen und mit liste hân,
der wil ze lange mich verlân.‹
In dirre zît, dô daz geschach,
daz diu juncvrouwe alsus gesprach
und inneclîche swære truoc,
dô wart diu schœne vaste gnuoc
in sorge und in gedenke brâht.
ûf manigen sin was si verdâht,

führen und befördern. 
Mein Freund, auf den ich besorgt
und besonnen warte,
der lässt mich allzu lange allein.‹
Zu dieser Zeit, als die
junge Dame dies sagte
und tief gefühlten Kummer ertrug,
da geriet die Schöne ganz erheblich
in Angst und wurde nachdenklich.
Bestimmte Gedanken ließen sie nicht los,

[Was genau meint »list«? Ist die kluge Planung des Treffens gemeint? Oder geht es darum, dass Medea sich die Entscheidung zu diesem Treffen nicht leicht gemacht hat, dass die Entscheidung nach reiflicher Überlegung gefallen ist?]

Freitag, 16. Februar 2018

8581-8590

diz wachen hie gelîden!
er solte heizen mîden
sîn ingesinde disen dôz.
der hoveschal ist alsô grôz
und muoz mir werden hie ze sûr.
diu minne ist hôher fröuden schûr,
swâ man si lîdet âne trôst.
wird ich noch hînaht niht erlôst
von senelicher ungehabe,
so wirde ich morne hin ze grabe

diese Nachtwache hier zu ertragen!
Er sollte seinen Leuten befehlen,
diesem Lärm fernzubleiben.
Es ist ein sehr großes festliches Getöse,
das mir hier ein Übermaß an Bitterkeit verschafft.
Große Freuden werden durch die Liebe wie durch einen 
Wirbelsturm vernichtet, wenn man ohne Hoffnung auf Gegenseitigkeit liebt.
Wenn ich nicht noch in dieser Nacht 
von sehnsuchtvollen Klagen erlöst werde,
dann wird man mich morgen hin zum Grab

Donnerstag, 15. Februar 2018

8571-8580

sô tump kein ingesinde nie,
sô diz volc, daz hînaht hie
sus üppeclîche wachet
und ein gedœne machet
mit tobelichem schalle.
waz sol diz göuden alle,
daz diz gesinde hât erkorn?
ich wæne, slâfen sî versworn
und alle ruowe in dirre naht.
ach, herre vater, daz dû maht

eine Dienerschaft, die derart stumpfsinnig ist
wie dieses Volk, das heute Nacht hier
so völlig ohne Not wach bleibt
und einen Lärm veranstaltet
mit wahnsinnigem Gejohle.  
Was soll dieses verschwenderische Treiben,
das diese Gesellschaft sich hat einfallen lassen? 
Mir scheint, man verzichtet auf den Schlaf
und auf alle Ruhe in dieser Nacht.
Ach, mein Herr und Vater, dass du bereit bist,